Meet #Yitzhak

August 2007

Im Sommer 2007 lernte ich, auf der Reise durch Polen, eine Hamburgerin kennen. Sie war in Deutschland sehr aktiv in der Zusammenarbeit mit einem Verein, der Zeitzeugengespräche organisierte und betreute. Dadurch kannte sie sehr viele Holocaustüberlebende. Sie fand es interessant, dass ich aus Wien kam und merkte an, dass sie einen Überlebenden aus Wien kannte. Sofort war sie begeistert von der Idee, einen Kontakt herzustellen. Sie gab mir seine Adresse und wollte ihm nach der Reise von mir berichten und kündigte ihm auch gleich an, dass ich ihm schreiben würde.

Ich saß lange an meinem Schreibtisch und starrte auf dieses leere Blatt Papier. Es war seltsam, jemandem zu schreiben, den man nicht kannte. Doch interessierte es mich sehr, wie er seine Kindheit und die Nazizeit damals in Wien erlebt hatte und ob er nach dem Krieg wieder in Wien war. So begann ich zu schreiben und war gespannt, ob eine Antwort kam.

Es dauerte nicht zu lange und ich hatte einen Brief in der Post. Ich muss sagen, so praktisch auch Emails sind und all die Kurznachrichten, die man sich jederzeit schicken kann, ist doch so ein Brief, von Hand geschrieben, noch etwas viel Schöneres. Die Freude, wenn sich ein Brief im Briefkasten findet, war bei mir immer groß. Besonders an diesem Tag, als ich den ersten Brief aus Israel in den Händen hielt, abgeschickt von Yitzhak.

Er hatte sich sehr gefreut über meine Zeilen und schrieb mir auch sehr ausführlich zurück. Geboren wurde er 1924 in Wien und man nannte ihn Oswald. Er lebte im neunten Bezirk und ging auch dort zur Schule, bis sich 1934 alles änderte in Wien. Er berichtete vom Putsch der Wiener SS und dem Mord an Dollfuß und schrieb folgendes:

Unsere Fensterscheiben klirrten vom Kanonenfeuer und meine Kindheit war beendet. 1934 – 38 besuchte ich das Schopenhauer Realgymnasium im 18. Bezirk. Am 12. März fiel Österreich in Hitlers Hände und die Judenverfolgungen begannen.

Am nächsten Abend wurde Hitler von 500.000 Wienern am Heldenplatz empfangen und sie marschierten in Fackelzügen dahin. Ich ging zur Währingerstraße, mir das aus einem Torbogen anzuschauen. Sie sangen und johlten hauptsächlich zwei Lieder:

„Es zittern die morschen Knochen
Der Welt vor dem großen Krieg
Wir haben den Zauber gebrochen
Für uns war´s ein großer Sieg
Und wir werden weiter marschieren
Wenn alles in Scherben fällt
Denn heute gehört uns Deutschland
Und morgen die ganze Welt“


„Wenn das Judenblut
Vom Messer spritzt
Geht es noch einmal so gut“

In seinem nächsten Brief berichtete Yitzhak von der Kristallnacht. Er sah diese als Generalprobe der Nazis für die Judenverfolgung – und die Welt schwieg. Er verließ Wien und machte sich auf den Weg nach Pilsen. Erst versuchte er ein Visa für die USA zu bekommen, über seine Tante, die dort lebte. Doch es sollte zu lange dauern, bis ihm die Einreise gestattet würde. In ihm wuchs der Entschluss, angesichts der Morddrohungen der Nazis, dass auch er sich bewaffnen müsste, um gegen sie zu kämpfen. Er beschloss, in den Westen zu fliehen, doch die Grenzen waren gesperrt und so musste er zur gefürchteten Gestapo, um eine Ausreisebewilligung zu bekommen.

Yitzak schrieb:

Dort stand ein baumlanger SS Mann mit einem Totenkopf auf dem Helm und über der Tür ein Plakat: Juden Eintritt verboten. Ich wusste nicht was zu tun, da fragte der SS: „Warum drehen Sie sich hier herum?“ Ich antwortete, dass ich eintreten möchte, aber das Plakat mir das verbot. Er sagte: „Gehen Sie herein.“

Ich klopfte an der mir angewiesenen Tür an und nach einem „Herein“ trat ich ein und setzte mich auf den angebotenen Sessel und trug mein Anliegen vor. Der in Zivil gekleidete Gestapo erklärte mir, dass ich ihm eine Bestätigung des Steueramtes bringen müsste, um eine Ausreisebewilligung zu bekommen. Da sagte ich ihm, dass ich Schüler sei. „So, dann bringen Sie mir eine Bestätigung ihrer Eltern zur Ausreise“. Jetzt wollte ich ihm nicht sagen, dass mein Vater verhaftet und meine Mutter in Wien war. So sagte ich ihm, dass meine Eltern sich über meine Ausreise nur freuen würden. „Warum denn?“, fragte er. „Weil wir Juden sind“, antwortete ich. Er, ganz erstaunt: „Sie sind Jude?“ „Ja“, antwortete ich. „Und wieso sprechen Sie so gut Deutsch?“, fragte er weiter. „Ich bin in Wien zur Schule gegangen“, antwortete ich. „So“, sagte er, „ich war auch in Wien“ und fing ein Gespräch an, aus dem ich entnahm, dass er in Wien bei Eichmann diente.

So verging die Zeit und es war bald 17:00 kurz vor Amtsschluss. So fragte ich ihn, was mit meiner Ausreisebewilligung wäre. Da schickte er mich zu einem Zimmer, in dem ein SS-Offizier mir sagte, ich solle morgen wiederkommen, jetzt mache er Schluss. Der Gestapo hielt mich mit seinen Geschichten auf und jetzt sollte ich noch einmal herkommen? So ging ich zurück zum Gestapo und sagte ihm, dass ich morgen schon wegfahren müsste. So schickte er mich zurück zum SS, der schon in der Türe stand, er solle mir die Bewilligung noch heute geben. Der ging zurück in sein Zimmer, stellte den Schein auf meinen Namen (Oswald) aus, der Arisch klang und er wusste ja nicht, dass ich Jude war.

Am nächsten Tag verließ er Prag und kaufte eine Karte nach London. Der Zug fuhr die ganze Nacht durch und am nächsten Tag war er an der holländischen Grenze. Dort wurden alle durch die SS kontrolliert. Mit viel Glück kam er dort durch, indem er sich zu einer Familie stellte und so passieren konnte. Am Tag darauf befand er sich auf einem Schiff nach England. Dort half er eine Zeitlang auf einer Farm aus und ging dann zur Schule. Nach deren Beendigung schloss er sich der Tschechischen Brigade an und ging mit ihr in den Krieg nach Frankreich, wo er gegen die Wehrmacht kämpfte. Nach dem Sieg kehrte seine Brigade durch das zerstörte Reich zurück nach Böhmen. Im Dezember 1945 beendete er seinen aktiven Armeedienst und kehrte nach England zurück.

Über die Zeit nach dem Krieg und seine Rückkehr nach Wien schrieb er:

Die erste Sache, die ich unternahm, war die Fahrt nach Wien, mit zwei großen Esspaketen. Eines für unsere katholischen Nachbarinnen, die den Schmuck meiner Mutter bei sich versteckten und eines für unser Kindermädchen, die eine Jüdin in ihrer Wohnung versteckte. In unsere Wohnung ging ich nicht zurück. Denn ich hätte die Nazis vielleicht erschossen und jetzt war es zu spät. Der Krieg war schon aus.

Wien war in Trümmern und die Russen herrschten, es gab wenig Essen, der Winter war bitterkalt und es gab wenig zu heizen. Ich war in der Uniform der Sieger und den lieben Wienern war das Singen vergangen.

Im März 1947 verließ er England, um am Kampf zur Gründung Israels teilzunehmen. Seit dieser Zeit lebte und arbeitete er in Israel, zusammen mit seiner Frau und ihren Kindern und nun auch schon vielen Enkelkindern.

Wir haben uns über eine lange Zeit geschrieben und es dauerte zwei Jahre, bis wir endlich Gelegenheit hatten, uns zu treffen. Mit der Hamburgerin, die den Kontakt hergestellt hatte, fuhr ich das erste Mal nach Israel. Yitzhak lud uns zum Essen ein, an einem Freitagabend, zusammen mit der Familie. Ein großer Tisch wurde gedeckt, damit wir mit allen 16 Familienmitgliedern Platz hatten. Welch Freude es war, sich endlich zu sehen und zu treffen, ich wusste mittlerweile schon so viel über die Familie und nun hatte ich endlich Gesichter zu all den Namen und Geschichten. Es war ein wundervoller Abend und wir haben viel geredet, gegessen und gelacht.

Der Abschied war einer dieser Momente, die man nicht vergisst. Er hatte mich so eindringlich angesehen, umarmt, geküsst und sich bedankt. Er verabschiedete sich auf eine Art, als wäre es ein Abschied für immer.
Er hatte es vielleicht schon im Gefühl, er sollte auch recht behalten. Es war ein Abschied für immer. Wir sollten nur diesen einen Abend gemeinsam haben. Es war ein großartiger Abend.

© Sabine Bruckner

13 Gedanken zu “Meet #Yitzhak

  1. Vielen Dank für diesen Bericht. Daraus formt sich das Bild eines sehr sympathischen, mutigen Menschen, der vielleicht auch den eigenen Hass besiegt hat, was zu den größten Siegen überhaupt gehört

  2. Und was wäre die Welt, wenn es diejenigen nicht gäbe, die derlei bedrückende Zeugnisse erlebter Geschichte dem Vergessen entreißen. Lieben Dank Dir dafür.

    Lg, der El

  3. Niemals vergessen! Und doch vergessen wir. Wehret den Anfängen! Und doch lassen wir es zu. Auch wir werden einmal Zeitzeugen für die nächsten Generationen sein. Was werden wir zu erzählen haben? Liebe Grüße Lore

    • Manches haben wir nicht in der Hand, aber durch unser eigenes Handeln können wir einen Teil der Geschichte selbst schreiben, die wir unseren Kindern weitergeben. Sowohl durch Vorbild als auch Erzählung zugleich. Wie das Kindermädchen, das eine Jüdin versteckt hielt und die Nachbarinnen, die den Schmuck versteckten. In vielen Erinnerungen der Überlebenden tauchen sie auf, Menschen die, manchmal auch durch sehr kleine Gesten, zu Alltagshelden wurden. Wer weiß, was noch auf uns zukommt, aber wir können versuchen, wo sich die Gelegenheit bietet, die Geschichte um einige Helden zu bereichern.

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