Meet #Edith

Januar 2012

Manchmal im Leben trifft man jemanden und es klickt auf Anhieb und manchmal eben auch nicht.

Die Betreuungsübernahme dieser Dame in den hohen 90-ern war von Beginn an eine Herausforderung. So mancher Voluntär hatte es mit ihr versucht, aber so recht klappen wollte es nicht. So wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, es zu probieren. Sie war allgemein als schwierig bekannt und schwer zu handhaben. Sie war von kleiner zierlicher Gestalt, sehr stur in ihren Ansichten und Überzeugungen und höchst dement. Ich hatte noch kaum Erfahrung und meine erste Betreuung lief so problemlos, dass ich kaum wusste, was ich erwarten konnte. Auch hatte ich noch keine Berührungspunkte mit dementen Personen, aber ich war bereit, es zu versuchen.

Man könnte sagen, die einzige Sache, in der wir uns einig waren, war, dass wir uns nicht einig waren. Egal, um welches Thema es ging, schien sie exakt die gegenteilige Ansicht zu vertreten. Nur bei einem waren wir uns einig – wir beide liebten Kaffee – und sie hatte eine spezielle Prozedur der Zubereitung, die sie nur zu gerne präsentierte. Mit höchsten Tönen der Anerkennung lobte ich ihre hohe Kunst der Kaffeezubereitung, was mir wiederum ihre Gunst einbrachte, und der Kaffee schmeckte glücklicherweise auch sehr gut.

Dieses Ritual wurde der Grundstein und die Basis unserer Treffen. Es war ein holpriger Start und vorsichtig versuchte ich mich heranzutasten – wie wir die gemeinsame Zeit, für sie gewinnbringend, verbringen könnten.

Über Demenz hatten wir verschiedene Schulungen und Kurse um den richtigen oder sagen wir besseren Umgang zu lernen. Theorie ist nur das eine und Praxis das andere. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich die Woche darauf noch erkannte, war zu Beginn sehr gering. Gespräche wiederholten sich und erst nach einer Weile realisierte ich die Möglichkeiten, die sich hier boten. Fragen wiederholten sich und sie vergaß nahezu umgehend was ich geantwortet hatte und auch ob es ihr missfiel oder nicht. Was zu Beginn oft der Fall war. Das gab mir nun die Möglichkeit meine Antworten zu ändern und verschiedene zu versuchen. Machte sie eine Antwort zornig oder fand sie sie dumm, dann versuchte ich das nächste Mal eine andere, bis ich fand, was ihr zusagte. Ich kam mir etwas vor wie in dem Film „Täglich grüsst das Murmeltier“. Die passende und von ihr akzeptierte Anwort behielt ich dann bei. Fand sie einen Witz lustig, war der vielfach wieder einsetzbar. Was zwar für mich langweilig war, aber für sie großartig. Wie oft kann man schon derselben Person denselben Witz erzählen und jedes mal wieder ein herzhaftes Lachen bekommen, als hätte man es ihr zum ersten Mal erzählt? Ich kann euch sagen – in diesem Fall 137 mal.

Nach einigen Wochen liefen unsere Gespräche gut, sie hatte alle schlechten Momente vergessen und ich verstand, wie ich mit ihr reden konnte und lernte auch, dass meine Meinung zu einer Sache dort keine Rolle spielte. Was nicht leicht war – es gibt ein Widerstreben im Inneren etwas zuzustimmen oder gutzuheißen, wovon man absolut nicht überzeugt ist. Hier spielte aber meine Ansicht keine Rolle. Ich war zu ihrer Unterstützung da. Sie merkte sich auch ohnehin unsere Gespräche kaum, nur manchmal kam ein Funke der Erinnerung durch. Was sie sich aber zu merken schien, war das Gefühl das ich bei ihr hinterlassen hatte und sie jetzt mit mir verband.

Hatte sie mir zu Beginn kaum die Tür geöffnet, empfing sie die Unbekannte bald etwas fröhlicher und mit mehr Zutrauen. Nach fast einem Jahr wusste sie von Zeit zu Zeit sogar meinen Namen und am Ende der Betreuung nach rund 1 1/2 Jahren war ich zu ihrem Liebling geworden und sie war am Ende sehr traurig, als ich sie nicht weiter besuchen konnte, weil mein Weg mich ins Ausland führen sollte.

Ich habe noch sehr viele Menschen betreut in den kommenden Jahren. Edith gehörte zu den herausforderndsten Fällen, aber auch zu jenen, wodurch ich das meiste gelernt habe. Es gab schwierige Stunden, aber auch sehr viele gute und wir haben sehr viel gelacht.

Wer sich jetzt fragt, welchen Witz ich ihr 137 mal erzählt habe muss sich noch etwas gedulden – aber er wird sich finden – demnächst hinter einer Tür.

© Sabine Bruckner