Im Mahlstrom der Zeiten

Eines Tages läutete bei mir das Telefon und ich bekam eine Einladung von einer Freundin, sie zu einem Zeitzeugengespräch zu begleiten. Die Dame die kommen sollte, war eine langjährige Bekannte ihrer Familie und hieß Ruta Wermuth. Natürlich sagte ich zu, um mehr von ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte zu erfahren. So machten wir uns auf den Weg zu einer Schule, wo ich das erste Mal hören sollte, was Ruta erlebt hatte:

Ruta wurde 1928 in Kolomea geboren, hinein  in eine kleine jüdische Familie. Sie hatte zwei ältere Brüder, Pawel und Salek. Sie beschreibt ihre Kindheit als glücklich und als jüngste und einzige Tochter wurde sie von den Eltern verhätschelt. Die Idylle fand jedoch ein jähes Ende, als im September 1939 sowjetische Truppen den Osten Polens besetzten. Knapp zwei Jahre später im Juli 1941 ersetzte die deutsche Okkupation die sowjetische.

Ruta beschreibt dies in ihrem Buch wie folgt:

Die Vernichtung der Juden und die neue Deutsche „Ordnung“ in Europa ließen nicht lange auf sich warten. Der Holocaust überfiel jäh unsere kleine, beschauliche Stadt. Die Deutschen verloren keine Zeit. Bereits einige Tage nach ihrem Einmarsch ließen überall in der Stadt aufgehängte Plakate das Schlimmste befürchten: „Tod den Bolschewiken und Juden!“ Darunter eine Liste von Verboten und Geboten. Wenn man diese genau nahm, war uns gar nichts mehr erlaubt. Bei Zuwiderhandlungen galt auf alles die Todesstrafe. Nur sterben durften wir – das war erlaubt und erwünscht.

Kurz darauf wurde ein Ghetto eingerichtet, dort gab es eines Tages eine Selektion. Ruta beschreibt, wie sie nach rechts oder links gewunken wurden. Rechts bedeutete Leben, links Tod. Ruta und ihre Eltern gingen nach links. Von dort wurden sie in Züge verfrachtet. Es gingen bereits Gerüchte um, dass es nach Belzec ging, was den sicheren Tod bedeutete. Die Beschreibung dieser Fahrt gleicht einem Höllenszenario. Während der Fahrt gelingt es einigen jungen Männern, einige Holzbretter unter der mit Stacheldraht vergitterten Fensteröffnung herauszureißen. Die Eltern fassten den verzweifelten Entschluss, die Tochter aus dem Zug zu werfen und dann selbst zu springen. Dies war ihre letzte Chance zu Überleben. Sie nahmen Ruta und während sie einen Wald passierten, halfen sie ihr durch die schmale Öffnung und ließen sie los. Ruta erinnert sich nicht, wie lange sie bewusstlos war, aber sie wachte im Wald auf, allein und mit einer blutenden Wunde.

Das war nun erst der Beginn ihrer Geschichte, sie war auf sich allein gestellt und durch die Hilfe von verschiedenen Menschen, wie einem polnischen Bauernpaar, gelang es ihr, ihre Mutter wiederzufinden. Dieses Treffen beschreibt sie wie folgt:

Es war Mama und ich erkannte sie kaum wieder. Wie erschreckend alt sie aussah. Ihr Haar war grau geworden in einer einzigen Nacht. Weinend umarmten wir uns, brachten kein Wort hervor. Meine Arme umschlangen sie ganz behutsam, ich wollte ihr nicht wehtun. Sie war in einem schlimmeren Zustand als ich. Eine Frage hämmerte in meinem Kopf. Dennoch brachte ich es nicht über mich, sie zu stellen. Aber Mama wusste offenbar, woran ich dachte. Sie begriff, dass sie mir die Wahrheit nicht verheimlichen durfte. Die Zeiten hatten sich vollkommen geändert. Trotz meiner Jugend war ich nun erwachsen.
„Papa ist tot“, sagte sie. „Sie haben ihn genau in dem Moment erschossen, als er gesprungen ist. Ich hab es mit meinen eigenen Augen gesehen.“ Wir weinten nicht. Es gibt eine Grenze menschlichen Ertragens. Wir hatten keine Tränen mehr.

Ihre Mutter konnte sich in späterer Folge in einem Gutshaus als Hilfskraft verstecken, doch Ruta konnte dort nicht bleiben, also fasste sie einen riskanten Entschluss. Es wurden „freiwillige“ Arbeiter für Deutschland gesucht und sie wollte sich melden. Sie sah sehr polnisch aus und hatte von ihrem Hausmädchen Frania die wichtigsten katholischen Gebete gelernt. Diese half ihr auch bei dem Unternehmen und riskierte so ihr eigenes Leben. Wie durch ein Wunder gelang es ihr nach Deutschland zu kommen und auch falsche Papiere zu organisieren. Dort kam sie erst nach Rülzheim, wo sie in einer Fabrik arbeitete. Nachdem sie dort wegen einer Unachtsamkeit während eines Bombenalarms rausgeworfen wurde, kam sie nach Elsass, wo sie das Hausmädchen einer deutschen Familie wurde. Die Familie ahnte nicht, dass sie Jüdin war. Sie lebte in ständiger Angst. Der Vater der Familie war ein stolzes Mitglied der NSDAP und trug bei jeder Gelegenheit seine SA-Uniform zur Schau. Ruta arbeitete schwer und war gerade erst 15 Jahre alt. Während ihrer Zeit bei der Familie bekam sie auch Nachricht über ihre Mutter. Eine unbekannte Person teilte ihr mit, dass sie tot war. Sie hatte sich am Widerstand beteiligt und ihre gesamte Gruppe wurde erwischt und hingerichtet. Als sich der Krieg dem Ende zuneigte, gelang es Ruta von der Familie wegzukommen und sie arbeitete in einer Metallfabrik. Dort lernte sie Witek kennen, einen jungen polnischen Mann. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft und sie heirateten nach dem Krieg. Auch er wusste nicht, dass sie Jüdin war. Sie gestand es ihm gleich nach Kriegsende, lebte dann aber mit ihm in Polen, immer noch mit falscher Identität – ihr Mann nannte sie auch weiterhin Kasia und es sollte lange dauern, bis sie sich wieder ihrer jüdischen Wurzeln besann.

Ihr Bruder Pawel wurde mit seiner Arbeitskolonne bei einer Aktion im November 1941 in Szeparowce exekutiert. So blieb nur die Hoffnung, ihren Bruder Salek zu finden. Sie wusste, er hatte sich nach Russland durchgeschlagen – dort verlor sich jede Spur. Sie konnte nicht ahnen, wie lange es dauern würde, bis zu diesem schicksalhaften Tag am 20. Juni 1994.

Auszug aus Rutas Buch:

Am 20. Juni 1994 war ich in meiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung mit Vorkehrungen für eine kurze Reise beschäftigt, als das Telefon läutete. Ich hob ab. „Ein Anruf aus dem Ausland“, sagte die Vermittlung… Geduldig wartete ich auf die Verbindung. Im statischen Knistern und Knacken der Leitung versuchte die Stimme eines Mannes durchzukommen. Er sprach Polnisch mit einem Akzent, der mir sofort das Herz erwärmte. Es war die Sprachmelodie der Heimat, des östlichen Grenzlandes. „Ist dort Rut Burak?“
Plötzlich überlief es mich kalt und heiß. Diese Stimme! So ähnlich meiner eigenen! „Ja, Rut Burak, geborene Wermuth“, antwortete ich. Bis heute kann ich mir nicht erklären, warum ich mich auf diese ungewöhnliche Art am Apparat meldete. Niemals vorher hatte ich mich mit meinem alten, schon so lange nicht benutzten, jüdischen Namen vorgestellt.
Der Mann am anderen Ende schien zu zögern. „Weißt du, wer anruft?“ fragte er schließlich. Natürlich wusste ich es nicht. Wie konnte ich? Aber ich wurde immer aufgeregter. In letzter Zeit hatte ich mit einem Israeli korrespondiert, der vor vielen Jahren ein Schulfreund meines Bruders Salek gewesen war. Ich dachte spontan,  dass er am Telefon sei, auch wegen des vertrauten polnischen Akzents. „Bist zu Bezio?“ Professor Dov Noy aus Israel?“
„Nein ich rufe aus England an.“
Dann begriff ich plötzlich. Irgendwie wusste ich es, bevor ein Name fiel. Ich kannte niemanden in England. Wer also konnte von mir erwarten, ihn an der Stimme zu erkennen?
Mein Herz schlug bis zum Hals. „Salek…!“, schrie ich in den Hörer. „Salek, Bruderherz, du lebst?!“
Sekunden verstrichen. War er es wirklich? Ich durchlebte im Zeitraffer alle nur denkbaren Gefühle: Jubel, Glück, Trauer, aber auch Angst: War er es wirklich?

„Ja, ich bin es, meine kleine Schwester.“ Die Stimme am Telefon brach und kippte um in ein herzzerreißendes Schluchzen. Die Vermittlung schaltete sich besorgt ein: „Hallo, was ist los?“ Sind sie noch da?“
Ja, ich war da, und nichts Besonderes war los. Nur dass ein Bruder und eine Schwester sich nach 53 Jahren wieder gefunden hatten. Beide hatten ein halbes Jahrhundert lang geglaubt, der andere habe den Krieg nicht überlegt.
Nein, nichts von Belang.

Sie hatten sich wiedergefunden! Nach 53 Jahren! So unglaublich, welche Geschichten das Leben schreibt. Nach ihrem Telefonat fuhr Ruta nach London und schloss ihren Bruder Salek, das erste Mal nach all diesen Jahren, wieder in ihre Arme. Sie hatten sich viel zu erzählen und beide konnten es nicht fassen, sich wieder gefunden zu haben. Auch ihr Bruder hatte einen anderen Namen angenommen: Victor Zorza. Er war ein bekannter Journalist geworden. Leider war er seit einigen Jahren bereits sehr herzkrank. Sie hatten noch eine kurze Zeit gemeinsam, bis Victor oder besser Salek, verstarb.

Rutas Buch – „Im Mahlstrom der Zeiten“, kam zuerst auf Polnisch heraus wo es „Spotkalam Ludzi“ hieß, zu Deutsch – „Mir sind Menschen begegnet“. Ihre Lebensgeschichte ist ein Zeugnis von vielen kleinen Begebenheiten, die ihr das Leben retteten. Viele Menschen auf ihrem Weg, die ihr geholfen haben. Von manchen kennt sie nicht einmal den Namen und doch verdankt sie auch ihnen ihr Leben. Sie hatte alles verloren und doch ist sie voll Dankbarkeit, dass sie nach all den Jahren einen Anruf bekommen hat, auf den so viele Überlebende vergeblich warteten und manche noch heute warten. Eine Stimme ihrer Vergangenheit, die verloren geglaubt war. Sie dankt dem Schicksal, dass sie noch einige Monate mit ihrem Bruder verbringen konnte, nicht auszudenken, wenn sie nur noch von seinem Tod erfahren hätte. Sie weiß sich glücklich, denn vielen war solch Glück nicht beschert.

Hier noch einige Bilder:
Ruta und ihr wiedergefundener Bruder Salek.
Drei kleine Bilder, die sie als kleines Kind zeigen, sowie ihren Bruder Pawel auf dem Fahrrad. Diese waren von ihrem Hausmädchen Frania in ihrem Schuh versteckt worden. Wären diese Bilder entdeckt worden, hätte das Rutas sicheren Tod bedeutet. Ruta hatte sie immer bei sich und schaffte es, sie zu bewahren.

Bilderquelle: Buch – Im Mahlstrom der Zeiten (Verlag Pro-Business Berlin 2005)

 © Sabine Bruckner

7 Gedanken zu “Im Mahlstrom der Zeiten

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