Die Freiheit zu geben

Hier in Israel laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Pessach steht vor der Tür und es wird geputzt was das Zeug hält. Was in den Supermärkten los ist, will ich hier gar nicht erst beschreiben. Morgen Abend enden alle Vorbereitungen mit dem wichtigsten Abend der Pessachzeit – dem Seder.
Ein sehr festlicher Abend, an dem die Familien zusammenkommen, das schönste Geschirr den Tisch ziert und die Pessach Haggada gelesen wird. Ob in frommen oder sakulären Familien, alle kommen zusammen. Doch was ist mit denen, die keine Familie haben, die Armen, die Einsamen und Verzweifelten? Es gibt jemanden, der immer eine offene Tür hat für diese. Über ihn will ich heute berichten:

STür - Fam. Machlischon vor einiger Zeit, hatte ich von einer Familie gehört, die hier in Jerusalem wohnt, ein Mann mit seiner Frau und ihren 14 Kindern (ja ihr habt richtig gelesen 14! Kinder ;)). Ein Rabbi, mit einer kleinen Wohnung in Ma‘alot Dafna. Das erste Mal hatte ich von einer Touristin gehört, dass es jemanden gibt, der jeden Shabbat Leute zu sich nach Hause einlädt. Das mag noch nicht so besonders sein, aber dieser Mann heißt alle willkommen. Er lädt Obdachlose von der Straße ein, Touristen, Yeshivaschüler, „Verrückte“ und wer auch sonst kommen möchte. Sein Haus steht allen offen. Vor einiger Zeit habe ich wieder an diese Geschichte gedacht und begonnen zu recherchieren. Tatsächlich habe ich ihn im Internet gefunden. Einige vor mir haben bereits über ihn geschrieben. Jemand hat für ihn eine Internetseite gegründet – da er selbst für all das Essen aufkommt (bei 60-100 Leuten, jeden Shabbat, sind das um 1000$ pro Woche). So wollte man ihm helfen, Spenden zu bekommen, um seine Essen zu finanzieren. Jedenfalls hörte sich das alles zu spannend an und ich musste mich selbst davon überzeugen, ob es so eine Großzügigkeit gibt. Also bin auch ich eines Shabbats aufgebrochen zu Rabbi Machlis, nach Ma’alot Dafna.

Also gesagt, getan, war ich auf dem Weg zu Fam. Machlis. Auf dem Weg dachte ich, dass ich eigentlich noch nie einfach zu Fremden und ohne Einladung, zum Essen erschienen bin. Ich war gespannt. Ich hatte vor Jahren gelesen, dass ein wahrer Wohltäter nicht seine Freunde oder Verwandten zum Essen lädt, sondern Arme, Blinde, Verstoßene – die, die nichts haben. Jedoch getroffen hatte ich mein Leben lang niemanden, der das tatsächlich tat. Bei sich zu Hause, jede Woche… unglaublich!

Schließlich bin ich bei seiner Wohnung angekommen und stand vor seiner Tür (siehe Foto oben). Dort fand ich einen Zettel mit den Zeiten, wann das Essen stattfinden sollte. Ich war zu früh – da ich nicht wusste wann, bin ich auf gut-Glück losgelaufen. Aber besser zu früh als zu spät. Pünktlich ging dann die Tür auf und die ersten Gäste drängten sich sogleich ins Wohnzimmer, um einen Platz zu suchen. Jeder Platz ist genützt und man sitzt auf engstem Raum. Rabbi Machlis schafft es aber, scheinbar immer für jeden einen Platz zu finden. Ich habe mich in die Damenecke gezwängt und auch gleich Bekanntschaft mit den anderen gemacht. Neben mir saß ein Mädchen aus England, das auf Urlaub war. Dann eine junge Ungarin, die gerade mit ihrer Familie eingewandert war, eine Weltreisende aus Neuseeland und einige Orthodoxe Damen. Das Wohnzimmer hat sich schnell gefüllt und bald ist auch der Rabbi gekommen. Er hat alle Gäste willkommen geheißen und der erste Gang wurde serviert. Das Essen wurde auf Tabletts über die Köpfe der Leute gereicht und jeder war an der Verteilung beteiligt. Die Atmosphäre war wirklich außergewöhnlich angenehm und familiär. Es gab verschiedene Salate, Brot und Speisen aller Art, Aschkenasisch, Sephardisch und Marokkanisch, für jeden etwas dabei. Zwischen den Gängen, die serviert wurden, hielt der Rabbi kleine Reden, Gedanken zur Parascha (Wochenabschnitt aus der Torah). Dann war auch jeder Anwesende eingeladen etwas zu sagen, so es zur Sache war. Dabei gab es zum Teil interessante Diskussionen und hitzige Debatten. Etwas, das der Rabbi sagte, blieb mir besonders in Gedächtnis:

Wir sollen die Schriften und die Prophetien
nicht nur lernen, sondern leben.

Das aus seinem Mund zu hören war mehr als glaubwürdig. Denn er scheint ein Mann zu sein, der tut, was er sagt. Der verstanden hat, was es bedeutet, nicht nur zu lernen und zu reden, sondern zu tun. So hitzig die Diskussionen auch wurden,  er bewahrte Ruhe und zeigte Verständnis, selbst für die absurdesten Aussagen.

Jemand fragte ihn mal, ob er nicht Angst hätte, man würde ihn bestehlen, bei all den verschiedenen und fremden Leuten, die jede Woche in sein Haus kämen.
Er hatte dafür nur ein Lächeln übrig, denn zu stehlen gibt es bei ihm nichts.
Es gibt lediglich eine Unzahl an Büchern bei ihm zu finden, nichts was des Stehlens wert wäre.

Mich persönlich hat der Besuch bei Machlis sehr beeindruckt. Eine Familie, die einen Blick hat für die Armen, für die, die in Not sind, die alleine sind, für all jene, die oft übersehen werden.  Sie schenken nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern geben den Menschen auch ein Stück Freude und bringen Wärme in ihr Leben. Sie haben die Freiheit erlangt, mit anderen zu teilen und zu geben, ohne etwas zurück zu erwarten.  Sie sind ein leuchtendes Beispiel für Gnade und Barmherzigkeit, anderen gegenüber – ein Licht  für die Menschen.

Ich wünsche euch ein gesegnetes Pessachfest!
Lasst uns nicht vergessen einen Platz an unserem Tisch für die offen zu halten,
die sonst keinen Platz finden.        
חג שמח!

חג שמח

Hier noch ein Video mit Rabbi Machlis – hier spricht er über Pessach und ihr könnt ihn in einer Matzah-Fabrik bewundern 😀

Quelle (Headerbild): http://www.njjewishnews.com/njjn.com/082009/njAmidTheStrife.html

© Sabine Bruckner

9 Gedanken zu “Die Freiheit zu geben

  1. Bei uns ist es ueblich, dass auch immer Fremde am Seder teilnehmen. Bei uns in der Synagoge, gibt es jemanden, der extra dafuer zustaendig ist. Diesmal haben wir eine Familie von 6 Personen dabei. Auch oft am Shabbat. Das gehoert eigentlich dazu. Allerdings nicht eine so offene Tuer, wie du beschrieben hast. Wo bist du eigentlich beim Seder?

    • Ja es gibt viele die sich auch um die Fremden kümmern und das ist wunderbar finde ich. Machlis ist nur besonders einzigartig, weil er das bei sich zu Hause und jede Woche macht – das finde ich faszinierend. Ich bin zum Seder bei einer Familie eingeladen, deren Großmutter ich betreue und bin schon sehr gespannt – Sie haben um die 35 Leute und doch finden sie noch Platz für mich ;). Letztes Jahr war ich in der Großen Synagoge, die auch immer einen Seder veranstaltet. Viele der Leute dort waren auch Menschen, die sonst keinen Platz haben oder keine Möglichkeit zu feiern – es war wirklich nett und interessant, mit wem man so am Tisch landet.

    • Stimmt, er ist schon sehr außergewöhnlich mit dem was er macht und mehr von seiner Sorte würden unsere Welt wohl sehr zum Guten verbessern. Was einen selber betrifft denke ich, muss man nicht gleich 100 Leute ins Wohnzimmer holen – wer kann das schon bewältigen – aber jeder kann etwas tun und wenn man auch nur einen Menschen einlädt, der sonst keinen Platz hat – ist viel geholfen. Lg, Sabine

    • Petra, hier in Israel bei religioesen Familien, da laedt man oft fremde Menschen ein, nicht so viel, meist einen oder eine Familie, aber das ist schon fast ueblich bei Feiertagen udn bei vielen auch am Samstag, also unseren Shabbat

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