Tür Nr. 51

Heute will ich euch einmal einen kleinen Einblick geben, was sich hinter Tür Nr. 51 abspielt. Zurzeit verbringe ich viele Stunden hinter genau dieser Tür. Wie ihr auf dem Bild sehen könnt, handelt es sich um ein Klassenzimmer. Tja wer hätte gedacht, dass ich in meinem Alter nochmal die Schulbank drücken würde. Vor einigen Jahren hätte ich das wohl belächelt und doch sitze ich wieder in einer Klasse und versuche mir stundenlang die Hebräische Sprache anzueignen. Das Gute daran ist, dass man nicht alleine sondern in Gemeinschaft leidet und sich auch gemeinschaftlich blamiert und  quält,  aber auch vorwärtskommt und gemeinsam Erfolge feiert.

Für mich liegt hinter Tür Nr. 51 ein kleines Paradies verborgen, da es an Verrücktheit manchmal kaum zu übertreffen ist. Ich liebe es, Menschen aus aller Welt zu treffen, und die halbe Welt sitzt in meiner Klasse. Gut, es gibt eine kleine Übermacht von Franzosen, was dazu führt, dass wir nicht nur Hebräisch lernen, sondern auch Französisch, jedoch neben diesen gibt es noch Leute aus Brasilien, Argentinien, England, Iran, USA, Russland, Moldavien, Ukraine, Schweden, Chile und mich als einzige aus dem deutschsprachigen Raum *love it!*
Zusätzlich zu dieser schönen Mischung der Nationen sind wir noch vom Schicksal begünstigt, mit der besten Lehrerin der ganzen Schule – HA! Jetzt denkt ihr, ich übertreibe und spreche unwissenderweise in Superlativen… Woher kann ich das denn wissen? – Ganz einfach – FAKT!

Ich hatte viele Lehrer und viele davon waren sehr gut, aber diese Lehrerin (R.) ist nicht einfach nur gut. Ihre Methodik ist genial. Es geht bei uns zu wie im Theater, und es vergeht kein Tag im Kurs, an dem wir nicht alle schallend lachen. Die Klasse hinter Tür Nr. 51 hat bereits einen gewissen Ruf. Man sagt, es gehe bei uns zu wie in einer Stand-up-Comedy-Show – tja was soll man dazu sagen? Ich nehme an, da spricht größtenteils der Neid, aber es ist etwas Wahres dran.

Anstatt nur trocken unsere Wortgruppen zu lernen und die Grammatik zu pauken, werden wir von unserer Lehrerin R. sehr dazu aufgefordert zu reden. Jeden Tag gibt es eine Frage, die wir beantworten müssen. z.B.: „Was hast du heute Morgen gemacht?“, „Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“, „Was war dein glücklichster Moment im Leben?“, „Was ist dein größter Traum?“ usw. Dadurch lernt sie uns nicht nur kennen und wir uns gegenseitig, sondern wir üben auch zu sprechen. Dabei kommt es natürlich zu Fehlern, was wiederum den amüsanten Teil ausmacht. Ein Beispiel: Die Frage war, was wir am Morgen getan haben – worauf ein sehr gläubiger und frommer Mann in der Klasse erklärte, dass er am Morgen in der Synagoge war und sich dort ausgezogen hat. AUSGEZOGEN? – Darauf er – „Ja ja, ausgezogen!“ – die Klasse brüllt bereits vor Lachen – Er hat sich natürlich nicht ausgezogen, sondern gebetet, aber das falsche Wort erwischt… Tja ein anderer, sehr ernsthafter und gebildeter Mann, erklärte einmal, dass er von Beruf Stripper sei! (er war eigentlich Archäologe) und ein Mädchen bestellte ein halbes Kilo Mann, anstatt ein halbes Kilo Karotten. Irrsinnig natürlich, aber oft sind Worte nun mal sehr ähnlich und da kommt es leicht zu Verdrehern und das wiederum führt zu köstlichen Szenen, die man so schnell nicht wieder vergisst. Man muss eben über sich selber lachen können. Ich habe einmal einer Familie erklärt, das ich schon alt sei und aus Unwissenheit das Wort für antik verwendet. – Die haben sich vor Lachen gedreht und ich habe diesen Fehler in Zukunft nicht mehr gemacht. So habe ich etwas gelernt und auch noch zur allgemeinen Belustigung beigetragen. – Lachen ist ja bekanntlich gesund.

So geht es bei uns in der Klasse, tagein und tagaus, lustig zu. Auch wenn die anderen Klassen etwas spöttisch auf uns herabsehen und meinen, wir würden nichts lernen und den ganzen Tag nur witzeln, so hat uns doch R. versichert, dass ihre Klasse am Ende des Semesters immer die Beste ist und ich persönlich bin davon überzeugt, dass es genauso sein wird. Wir lernen auch unsere Wortgruppen usw. aber durch die Gespräche, Witze und Geschichten merkt man sich Vieles weit besser und genau das ist die verborgene Absicht hinter all dem Theater, das von unserer Lehrerin geschickt inszeniert wird. Sie ist wirklich eine bemerkenswerte Frau. Sie spricht nicht nur sieben Sprachen fließend, sondern hat auch mehrere Magistertitel, davon zwei in Linguistik, einen in Religionswissenschaften und einen in Psychologie. Eine Vorliebe für Sprache und Menschen kommt bei ihr gepaart mit einer Riesenportion Humor, und genau das macht sie zu einer außergewöhnlichen Lehrerin. So können wir uns glücklich schätzen und es fällt uns nicht schwer, jeden Morgen – viel zu früh – anzutreten und uns hinter Tür Nr. 51 einzufinden.

© Sabine Bruckner

16 Gedanken zu “Tür Nr. 51

  1. Da hast Du ja fast einen 6er im Lotto mit der wirklich interkulturellen Klasse und der tollen Lehrerin. Ich wünsche Dir noch ganz viel Spaß beim Hebräisch Lernen! Vielleicht ergeben sich ja noch mehr solcher spannenden und lustigen Beiträge?!
    Viele Grüße, Claudia

    • Es ist wirklich wie ein 6er im Lotto und es gibt sicher Material genug für weitere Beiträge – ich werde jetzt jeden Tag die besten Lacher aufschreiben und sammeln – manchmal ist es einfach zu absurd und amüsant 😉

  2. Der Text und das Foto sind ja ein gewaltiger Kontrast, schon beim Start, viele Stunden dort, dachte ich, oh jeh, aber dann kam die Kehrtwende.
    Weiterhin viel Freude bleibt mir noch zu wünschen. 🙂

  3. Das hört sich aber toll an, schön, dass Du eine so tolle Klasse und so engagierte Lehrerin kennengelernt hast! Dass man durch Humor und ein schönes Lernumfeld viel besser lernen kann, ist ja schon bekannt, wird aber viel zu oft unterschätzt. Ich würde darüber auch gerne mehr lesen!

  4. Ich wünschte ich könnte dabei sein! Dafür sitz ich auf der anderen Seite vom Lehrertisch und hab auch so meine Anekdoten zu berichten… Weißt du, was ein Schießhühnchen ist. 😂

    • Das kann ich mir vorstellen das du gerne dabei wärst – du hättest auch deinen Spass 😉 – aber auch als Lehrerin hat man über die Zeit sicher genug zu berichten 😀 – was ein Schießhühnchen ist will ich jetzt auf jedenfall noch wissen *g* – Liebe Grüße

  5. Als wir hier ganz neu waren, da hatte ich meinen Mann zum Einkaufen geschickt, Ich brauchte einen Pfannen wender aus Holz. Du hast wahrscheinlich das Wort „Tschubtschick“ schon kennengelernt, das wir fuer alles gebraucht nicht nur fuer den Pfeifer auf dem „kumkum“, dem Wasserkessel. Mein Mann ging also auf den Shuk, und da er auch nciht alle Worte so kannte, verlangte er „den Tschubtschick min haYaar“ also den Tschubtschick aus dem Wald, weil er sich an das Wort fuer Holz nicht erinnern konnte. Er wurde also mal erst ganz dumm angesehen, und als mein Mann dann auch sagte „Teflon“, da ging dem anderen ein Licht auf, und er bekam genau das richtige.
    Ich habe ein wunderschoenes altes Buch, da sind Bilder von fast allem dabei, mit den passenden Namen dazu. Koerperteile, Haare, alle moeglichen Arbeitstplaetze, von Zahnarzt bis Friseur, alles, das man – damals – in der Kueche hatte, bis zu Stickstichen. Leider sind viele Ausdruecke veraltet, udn als anfangs bei jemanden von den Nachbarn ein Sieb ausleihen wollte, da habe ich ihr zum Schluss das Bild im Buch gezeigt. Wenn wir uns treffen, erinnere mich, dann bring ich dir das Buch mit zum Ansehen

    • Auf das Buch bin ich schon gespannt! – Das ist sicher sehr nützlich! Das Wort Tschubtschick kannte ich noch gar nicht – also man lernt nie aus und ich hab ja noch einiges zu lernen 😉 Jedenfalls nette Geschichte und dein Mann hat sich ja gut durchgeschlagen und sogar das Richtige nach Hause gebracht. Kol haKavod! Liebe Grüße, Sabine

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