Die Liste

Zum Internationalen Holocaustgedenktag –
Erinnerungen an außergewöhnliche Begegnungen

Es gibt wohl viele, ja unzählige Listen von denen wir im Leben umgeben sind. Eine Liste gibt es, die es zu weltweiter Berühmtheit schaffte – die Liste von Oskar Schindler. Viele haben wohl den Film „Schindlers Liste“ in der Schule oder bei einer anderen Gelegenheit gesehen. Auch ich hatte eines Tages im Geschichtsunterricht meinen ersten Berührungspunkt mit dem Film, der bewegend und bedrückend zugleich war.

Zum ersten Mal erlangte die Geschichte eine neue Lebendigkeit für mich, als ich auf einer Fahrt durch Polen war, wir plötzlich halt machten und der Guide uns darauf hinwies, dass wir rechts von uns Schindlers Fabrik sehen konnten. Unglaublich! Da war er also, einer der tatsächlichen Orte, an denen sich alles abgespielt hatte.

Dies sollte aber nicht der einzige Augenblick bleiben, an dem sich die so weit entfernte Vergangenheit einen Weg in meine Gegenwart bahnte .

Vor einigen Jahren war ich gemeinsam mit einer Freundin im Urlaub in Eilat. Dort haben wir uns mit langjährigen Freunden getroffen, die auch Überlebende der Shoa sind. Diese verbringen dort jedes Jahr ihren Erholungsurlaub und wir verbrachten eine wunderbare Zeit gemeinsam. Eines Tages, als wir gerade in der Lobby des Hotels saßen, trafen sie eine Freundin und unterhielten sich. Erst hatte ich mir nicht weiter viel dabei gedacht. Dann stellen sie uns vor und erwähnen so beiläufig, das die Dame Nr. XY von Schindlers Liste war.  Ich war so baff, dass ich leider auch Namen und Nummer vergessen habe. Da stand sie nun also mit einem sympathischen Lächeln vor mir. Fleischgewordene Geschichte – zum Anfassen nahe! Was für ein Gesicht ich gemacht habe könnt ihr euch wohl ungefähr vorstellen. Mir kam nicht einmal in den Sinn irgendetwas zu fragen und ich habe sie wohl einfach nur mit offenem Mund eine Weile angestarrt. Es kam einfach zu überraschend und bald war die Dame auch wieder ihres Weges gezogen. Ein schnelles Foto konnte ich zumindest noch machen, als kleine Erinnerung an diese überraschende Begegnung in Eilat.

Aber auch das sollte nicht das letzte Mal bleiben. Während eines längeren Aufenthaltes in einem Gästehaus in Jerusalem machten wir einen Ausflug nach Ma’ale HaHamisha. Dies ist ein Kibbutz in der Nähe Jerusalems. Dort sollten wir eine Dame besuchen um ihr im Haushalt etwas zur Hand zu gehen. Sie war eine kleine und zierliche Frau, die uns mit Freude in Empfang nahm und uns sogleich mit Kaffee und Kuchen verköstigte. Sie erzählte uns die bewegende Geschichte des Kibbutzes und auch etwas über ihr Leben. Ihr Name war Ruth S. und sie war Nr. 131 von Schindlers Liste. Das ich noch einmal die Gelegenheit hatte, mit jemanden zu sprechen, der tatsächlich auf der Liste war, war einfach unglaublich. Diesmal hatten wir auch mehr Zeit und konnten uns eine ganze Weile unterhalten. Nach Kaffee und Kuchen putzen wir erstmal ihre Wohnung und halfen ihr mit allem, was sie selbst nicht mehr so gut schaffte. Dann war noch Zeit und sie holte ein Fotoalbum um uns einige Bilder zu zeigen. Wir sprachen über ihre Geschichte und auch über den Film, der gemacht worden war. Am Ende des Film’s sieht man die  Überlebenden und auch Ruth ist unter diesen auf dem Gruppenbild zu sehen. Was aber noch interessanter war, waren die vielen Fotografien, die sie zusammen mit Oskar Schindler zeigen. Sie erzählte uns, dass er nach dem Krieg nicht weiter erfolgreich war, er aber oft nach Israel gekommen ist und viel Kontakt gehalten hat zu „seinen Juden“ und auch sie öfter besuchte.

Ihm verdankte sie ihr Leben und mit ihr etwa 1200  andere jüdische Zwangsarbeiter, die das Glück hatten, auf Oskar Schindlers Liste zu stehen.

In einer Zeit in der es meist den Tod bedeutete, auf einer Liste zu stehen, gab es doch eine Ausnahme – die eine Liste, die zum Leben war.

© Sabine Bruckner

Header – Bildquelle: http://www.yadvashem.org/yv/en/righteous/stories/pdf/shindlers_list.pdf

3 Gedanken zu “Die Liste

  1. ich freu mich, dass du wirkliche reale Menschen aus der Liste getroffen hast. Leider werden die Ueberlebenden der Shoa immer weniger, von alters und Krankheits wegen. Beste Gruesse an dich

    • Das stimmt leider das sie von Tag zu Tag weniger werden, umso wichtiger ist es sich jetzt um die Verbliebenen zu kümmern. Die Damen von der Liste zu treffen war für mich wirklich etwas ganz besonderes, wofür ich sehr dankbar bin, dass ich die Gelegenheit hatte. Liebe Grüße, Sabine

  2. Liebe Sabine ,danke für diesen Beitrag. Da wo ich drei Jahre in Zürich wohnte , gab es eine Schindler-Strasse. Ich musste immer an den Film denken ,wenn ich da lang ging. Ich habe Schindler bewundert ,wie er diese Gratwanderung zwischen den zwei Welten riskiert hat. Ich weiss nicht, wie ich an Deiner Stelle reagiert hätte.Es wie ein Gegenzeugnis von Geschichte ,die immer von Toten spricht und gleichzeitig auch ein mutmachendes Beispiel dafür ,dass es sich trotz aller Widerwärtigkeiten lohnt ,sich für Menschen einzusetzten. Geschichte zum Anfassen,,,schon sehr speziell…….also..ich wundere mich ,was Dir so alles passiert und freue mich für alle Beteiligten . Liebe Grüsse von Martha

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