Meet #Sophie

April 2010

Über meine erste Begegnung mit einer Holocaustüberlebenden habe ich ja schon berichtet und auch über Edith, die meine zweite Betreuungsübernahme in Wien war. Heute möchte ich von Sophie erzählen.

Nach meinen ersten beiden Reisen nach Israel und den bewegenden Ereignissen und Begegnungen dort hatte ich beschlossen, mehr zu tun. Ich bewarb mich als Volontärin in Wien bei einem jüdischen Verein für den Besuchsdienst. Zu meiner Freude wurde ich aufgenommen und bekam meine erste Klientin – Sophie.

Ich war aufgeregt, das erste Mal. Nur mit ein paar Eckdaten bewaffnet machte ich mich auf zu der angegebenen Adresse. Es ist etwas seltsam jemanden zu besuchen, den man noch nie gesehen hat und nicht kennt. Ich war nervös. … Was mache ich nur, wenn wir uns nicht verstehen? Vielleicht kann sie mich nicht leiden. … Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Sie wohnte in einem Gemeindebau und es waren einige Stockwerke hoch zu gehen, bis ich vor ihrer Wohnung stand. Es gab keinen Lift dort, sie war bereits 97 Jahre alt und ich wusste schon, dass sie keinen Stock oder eine andere Gehhilfe verwendete. Wie sie diese vielen Treppen schaffte, war mir ein Rätsel. Sie musste noch ziemlich fit sein.

Die Türe öffnete sich und eine kleine Frau mit vollem grauen Haar und einem breiten Lächeln öffnete mir die Tür. Symphatischer konnte man kaum empfangen werden. Ihre Wohnung war sauber und wirkte sehr freundlich. Sie hatte sich bereits gut auf den Besuch vorbereitet und Kaffee und Kuchen standen bereit.

Es sollte sich schnell herausstellen, dass jede Sorge zur Gänze unberechtigt war. Wir verstanden uns auf Anhieb und die Zeit verging immer sehr schnell, wenn wir uns sahen. Was für eine unglaubliche Frau sie war! Sie stammte aus der Münchener Gegend und war hineingeboren in eine wohlhabende jüdische Familie. Sie konnte mit ihrer Familie nach Israel fliehen und somit einer Vernichtung und auch den Konzentrationslagern entgehen. Ihr Mann, der schon vor einigen Jahren verstorben war, hatte im Krieg alles verloren. Seine gesamte Familie, Frau, Kinder, allen Besitz. Ihm war nur das nackte Leben geblieben. Sie trafen sich in Israel, wo sie sich kennen und lieben lernten. Bruno hatte aber das Wetter nicht gut vertragen und so beschlossen sie zurückzugehen in seine Heimat – nach Wien.

Er hatte mehrere Wohnungen und ein Geschäft im Prater besessen und sie hofften, vielleicht etwas zurückzubekommen. Dem war leider nicht so. Sie mussten Jahre auf eine Wohnung warten und lebten sehr bescheiden. Sophie erzählte, dass sie keine Möbel hatten und sich diese auch nicht leisten konnten. Jemand sagte ihr auf Anfrage nach Hilfe: „Ihr habt im Konzentrationslager am Boden geschlafen, dann könnt ihr das jetzt auch.“ … Dann gab es da noch eine Möglichkeit. Man konnte Möbel mieten. Möbel, die der jüdischen Bevölkerung enteignet wurden, wurden nach dem Krieg an jüdische Rückkehrer vermietet – für 1 Schilling im Monat, was sehr viel und teuer war, zu diesem Zeitpunkt. Ich war schockiert, als sie mir davon erzählte. … Ich hatte noch nie davon gehört. Was für eine Grausamkeit dahintersteckt, dafür fehlen mir bis heute die Worte.

Nur eine Geschichte schockierte mich noch mehr. Sie erzählte mir, dass sie diejenige war, die auf alle Ämter gehen musste. Ihr Mann konnte einfach nicht – so stark war das Trauma. Nach Kriegsende musste sie viele Ämter besuchen, um Kopien der Dokumente ihres Mannes zu bekommen. Auf einem Amt traf sie einen Beamten – sie hatte den Namen noch genau im Gedächtnis – und sie legte ihm ihr Anliegen vor. Darauf las er den Familiennamen und sagte ganz erstaunt: „Was, da ist jemand zurück gekommen!? Die habe ich doch alle nach Ausschwitz geschickt!“ Ihr brannte daraufhin die Sicherung durch und sie hätte ihn am liebsten an Ort und Stelle umgebracht. Zwei der dort Anwesenden mussten sie zurückhalten und beruhigen. Der Mann, der ihren Bruno nach Ausschwitz geschickt hatte, saß immer noch auf einem guten Posten, unbehelligt, als wäre nichts weiter passiert. Sie erzählte ihrem Mann nichts davon, auch später nicht. „Er hätte es nicht verkraftet,“ sagte sie.

Ich verstehe ihre Entscheidung gut. Er hatte genug mitgemacht und auch so genug zu leiden, auch nach dem Krieg. Er hatte große Probleme mit seinen Beinen, weil sie im Lager Erfrierungen erlitten hatten, von den grausamen Erlebnissen dort ganz zu schweigen, mit denen er leben musste. Ich hätte auch Bruno gerne kennengelernt. Sophie erzählte, was für ein großartiger Mann er war und dass sie in über 40 Ehejahren keinen einzigen großen Streit hatten. „Er hätte mir die Sterne vom Himmel geholt, hätte er gekonnt! So sehr hat er mich geliebt,“ schwärmte sie.

Bruno hatte guten Geschmack, denn mit Sophie hatte er eine wundervolle Frau an seiner Seite, freundlich, humorvoll und außerordentlich klug. Sie hatte ein gutes Herz und war stets um Gerechtigkeit bemüht. Einmal kam ich zu Besuch und sie war sehr aufgeregt. Es wäre ein Fehler auf ihrer Rechnung!! Sie habe es jetzt mehrfach überprüft und sie hätten ihr eindeutig zu wenig berechnet! … „Zu wenig?“, fragte ich. „Ja genau!!“ … Es ließ ihr keine Ruhe, sie rief dort an und fragte nach. Sie versicherten ihr mehrfach, dass es so in Ordnung wäre und die Rechnung stimmte. Erst dann war sie zufrieden damit und wieder beruhigt. Sie wollte, dass alles genau ging und nicht, dass jemand wegen ihr einen Nachteil hatte.

Es gab viele Menschen, die sich bei ihr Rat holten, sie war sehr hilfsbereit und hatte auf Vieles eine einfache und kluge Antwort. Man konnte von ihr immer etwas lernen. Ich habe die Besuche immer sehr genossen und war oft weit über die zwei Stunden, die ich dort verbringen sollte, bei ihr. In manchen Wochen wusste ich, wenn sie hinter mir die Türe schließt, geht sie erst wieder auf, wenn ich die Woche darauf wieder klopfen würde. „Das ist das Schwere, sagte sie, wenn man so alt wird. Alle sterben einem weg.“ Sogar zwei ihrer drei Kinder waren schon verstorben, was sie weit schwerer verkraftete als den Tod ihres Mannes. Man sollte nicht die eigenen Kinder beerdigen müssen. „So alt zu werden ist schwer“, sagte sie oft. Doch sie meisterte es sehr gut, wie ich finde. Sie telefonierte oft mit ihrer Schwiegertochter in Israel, die sie sehr liebte. Schade nur, sie konnte nicht mehr reisen, um sie zu sehen.

Ich war jedenfalls froh, dass ich die Gelegenheit hatte, mit ihr Zeit zu verbringen und sie kennenzulernen. Wir verbrachten viele schöne Stunden miteinander und lachten auch viel. Ich habe es sehr genossen und mich immer auf die Besuche gefreut. Dabei wusste ich gar nicht, ob sie sich ebenso sehr freute über die gemeinsame Zeit. Sie hatte nie etwas in diese Richtung gesagt, so konnte ich nur Vermutungen anstellen.

Eines Tages läutete dann das Telefon. Ich war gerade in der Arbeit. Die zuständige Sozialarbeiterin rief mich an, Sophie wäre in der Nacht davor gestorben. Sophie war fit, sie wohnte alleine zu Hause und machte vieles noch selbst, so kam es etwas plötzlich und überraschend. Gerade war ich doch noch bei ihr, ich konnte es nicht glauben im ersten Moment. Doch sie war 97 Jahre alt, da musste man wohl immer damit rechnen und sie sagte schon öfter, dass sie müde war. In der letzten Nacht war sie dann eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Es dauerte einige Tage, bis das Begräbnis war. Es war das erste jüdische Begräbnis, auf das ich gehen sollte. Es wurde verschoben, damit ihr Sohn und ihre Schwiegertochter aus Israel anreisen konnten. Es gab sonst keine Angehörigen mehr, einige Freunde, die ich nur dem Namen nach kannte und mit denen sie per Telefon Kontakt hielt, waren da. Plötzlich sah man sich, ich hatte von ihnen gehört und sie von mir, und nun hatte man ein Gesicht zu der Person. Es war ein kühler, nebeliger Novembertag und eine sehr kleine Gruppe folgte dem Sarg über den Friedhof. Wir standen dort, während die Gebete gesprochen wurden. Es war traurig, sie fehlte mir bereits und die Tränen liefen mir über die Wangen. Ich bemerkte eine Frau, die auch weinend einige Meter weiter stand. Sie schaute fragend in meine Richtung und wendete sich dann jemandem neben sich zu. Plötzlich hatte sie ein Strahlen im Gesicht und lief auf mich zu und fiel mir um den Hals. Es war Sophie´s Schwiegertochter, die sie so liebte und mit der sie jede Woche telefonierte. Sie wusste nicht, wer ich war und fragte deshalb die Dame neben ihr, die ihr sagte, ich sei die Volontärin, die sie besucht habe. Sie erzählte mir, dass Sophie jede Woche von mir erzählte und lange und detailiert berichtete über unsere Treffen und wie sehr sie sich freute und sie aufgeblüht war nach diesen Besuchen. Sie bedankte sich bei mir herzlichst, dass ich für Sophie da war und dass ich für sie eine so große Freude war. Nach vielen Umarmungen und Küssen verabschiedeten wir uns. So sollte ich am Ende doch noch erfahren, was meine Besuche Sophie bedeutet hatten und so schloss sich dort der Kreis.

ז״ל

© Sabine Bruckner

6 Gedanken zu “Meet #Sophie

  1. Wo es gerade so eine Freude ist, dass die FPÖ so abgesackt ist, holen einen solche Berichte über Möbelvermietungen und verbliebene Nazi-Beamte auf den Boden der Realität zurück. Umso schöner ist es dann von einer Frau zu hören, die ihr Leben gut und mit Freude gelebt hat und so alt geworden ist.

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