Meet #Walter

Oktober 2008

Walter war bestens vorbereitet, als ich und Regina bei ihm eintrafen. Ein Berg von Büchern türmte sich bereits auf seinem Wohnzimmertisch. Er hatte Tage damit verbracht, alles zu suchen, was für uns von Interesse sein könnte. Dabei ist er tief eingetaucht in seine kleine Bibliothek, um auch wirklich nichts zu vergessen.

Maria begrüßte uns ganz geschäftig und verschwand schnell wieder in der Küche. Sie war seine Hausgehilfin und bereitete uns ein wunderbares Essen zu, das sie nicht allzu lange aus den Augen lassen wollte. Walter hatte wirklich dafür gesorgt, dass es uns an nichts fehlen sollte.

Walter sprach sehr gut Deutsch, wohl mit Akzent. Er stammte aus Spišská Nová Ves (Zipser Neuendorf).Es gab drei offizielle Sprachen dort: Slowakisch, Deutsch und Ungarisch. Staatsbeamte mussten alle drei Sprachen beherrschen. „Wir Juden sprachen Deutsch – zu Hause, in der Schule, im Geschäft, in der Synagoge. Aber auf der Gasse unterhielten wir Kinder uns auf Slowakisch“ , erklärte Walter. Als Knabe, Enkel eines angesehenen Rabbiners und Sohn eines traditionsbewussten Schneiders, musste er zusätzlich Hebräisch lernen, um die Gebete zumindest mitmurmeln zu können.

Walter kam 1930 als der jüngste von sieben Geschwistern zur Welt. Als Kind wurde er auch „der Junge mit den Pferden“ genannt. Er war der einzige, der das Zugpferd »Šarka« ihres begüterten jüdischen Nachbarn reiten durfte. Die Familie hatte eine sehr gute Beziehung zu ihrem katholischen Hausherrn, der Priester war und zudem einer der wichtigsten Kunden seines Vaters. Er war kein Judenhasser wie sein Bischof, aber auch er konnte die Morgenbessers nicht vor dem Holocaust bewahren.

Der slowakische Nationalaufstand im August 1944 stellte den entscheidenenden Wendepunkt dar und nun sollten auch die letzten slowakischen Juden ins Gas von Ausschwitz. Seine Familie wurde auf den Transport Nr. 104 gesetzt, der im KZ Ravensbrück endete. Walter war damals 14 Jahre alt und nun zu Häftling Nr. 11707 geworden. Mit weiteren 20 Kindern des Transportes aus der Slowakei wurde er in den Kinderblock Nr. 5 überführt. Sie mussten dort mit verschiedenen Werkzeugen die Schuhe der neu ankommenden Häftlinge zerlegen und nach eventuell verstecktem Geld und Wertgegenständen suchen.

In Ravensbrück sollten sie aber nicht bleiben, ihre letzte Leidensstation war das KZ Sachsenhausen. Dort wurden Vater und Sohn am 22. April 1945 gegen 13:00 Uhr von der Roten Armee befreit. Die Kugeln flogen noch, als man das Tor öffnete und ihnen zurief zu fliehen. „Wir mussten uns wieder und wieder in den Straßengraben werfen, wenn die Flugzeuge kamen. Als wir gegen Abend das zerstörte Städtchen Bernau erreichten, besorgte uns der dortige Stadtkommandant, ein junger sowjetischer Leutnant, einen Platz zum Schlafen – zum ersten Mal wieder ein richtiges Bett und am Morgen ein ordentliches Frühstück“, erinnerte sich Walter.

Vater und Sohn sahen kein Zuhause mehr in ihrer alten Heimat und gingen 1947 nach Israel. Walter gehörte zu den Gründern des Kibbuz „Sasa“ an der libanesischen Grenze. Er heiratete dort, aber verließ den Kibbuz nach einem Streit. Dennoch erinnert er sich gerne an diese Zeit zurück. Er bekam drei Kinder und diese wiederum brachten ihm viele Enkelkinder.

Quellenverweis, Fotos der Diashow von: https://www.memoryofnations.eu/en/morgenbesser-walter-1930#photo

Marie tänzelte nun schon eine Weile freudig um uns herum. Das Essen war fertig. „Walter, genug jetzt mit den Geschichten! Es wird gegessen!“, verstand ich von ihr, in einem hebräisch-jiddischen Mix, den sie mit uns sprach.

Das Essen war wunderbar und mit vollen Bäuchen machten wir es uns wieder auf der Couch gemütlich. Jetzt wollte Walter uns einige Bücher zeigen, die ihm ganz besonders wichtig waren.

Hierzu muss ich kurz einlenken und eine kleine Randbemerkung machen. Ich habe da eine vielleicht etwas sonderbare Angewohnheit, die ich jetzt an dieser Stelle verraten werde… Ich rieche sehr gerne an Büchern. Ich war das Kind, das den ersten Schultag liebte, weil es da immer neue Bücher gab. Wir bekamen diese – und ich Buch auf – Nase rein. Wunderbar! … Bis heute stecke ich gerne die Nase in Bücher – im wahrsten Sinne des Wortes.

Zurück zu Walter… Er reichte mit Stolz nun eines der erwähnten Bücher in die Runde. Buch auf – Nase rein. Ich schaute in Reginas Richtung, die mich ansah und dann Walter. Mein Blick folgte ihrem, dann sah ich in Walters Gesicht, der mich mit weit offenen Augen und sichtlich schockiert anschaute. In diesem Moment erst fiel mir auf, das ich mit meiner Nase in seinem Buch hing und das eventuell sehr unpassend war… nein eigentlich sogar ganz sicher unpassend … Ich bewegte das Buch langsam in eine sichere Entfernung zu meiner Nase … es herrschte eine gefühlte Ewigkeit Schweigen. „Du riechst an Büchern?“, fragte mich Walter erstaunt. Kurz überlegte ich zu leugnen, aber es war schon klar, das machte keinen Sinn mehr. „JA!?„, antwortete ich. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er lachte. Er habe das so lange nicht gesehen, aber plötzlich erinnerte er sich, dass sein Großvater, der ein angesehener Rabbiner war, immer an den Büchern roch.

Kurz hatte ich schon Sorge, die aber unberechtigt war. Regina entschuldigte sich dann einen Moment, um einem Nachbarn „Hallo“ zu sagen, den sie auch kannte. So blieb ich mit Walter allein. Da ich ihn so an seinen Großvater erinnerte, wollte er mir sein kostbarstes Buch zeigen und er ging mit mir in ein anderes Zimmer, wo sich noch ein kleiner Schrank mit Büchern befand. Er nahm es vorsichtig heraus. Es war ein Geschenk zu seiner Bar Mitzva. Ein Gebetsbuch, signiert und mit einer Widmung von seinem Großvater. Der Priester, der damals ihr Hausherr war, versteckte es für ihn. Nach dem Krieg gab er es ihm zurück. So konnte er es bewahren und es war eines der kostbarsten Besitztümer, die er noch hatte, mit den Zeilen seines Großvaters darin. Er war sichtlich berührt, als er von seinem Großvater sprach. Er gab mir das Buch und sagte: „Weißt du, es ist komisch, das ist das erste Mal, dass ich diese Geschichte erzähle und dabei nicht weinen musste.“ Er sah mich an und lächelte. Das war einer dieser kostbaren Momente, die man schwer erklären kann, es berührte mich sehr und freute mich, dass er mich teilhaben ließ an seiner Geschichte.

© Sabine Bruckner

7 Gedanken zu “Meet #Walter

  1. Ik ben vereerd, om met Joodse mensen in contact te komen, als is het maar via internet … Naast mij zijn Joodse mensen komen wonen uit Israël. Op de verjaardag van hun dochtertje geef ik haar een kinderboekje van Annie M.G. Schmidt, maar ik ben bang, dat het hun niets zegt en dat ze mij maar een raar mens vinden.
    Ik blijf me hele lange leven fan van Annie M.G. Schmidt en blog weer een versje van haar.
    Morgen, krijg ik van WordPress 3 giga bites. Misschien, kom ik dan wat beter uit de voeten met mijn foto’s van Amsterdam: Speciaal voor jouw! Ik zoek een leuk trapgeveltje. Amsterdamse architectuur vindt je toch ook wel mooi?!? Elfriede, 8 december 2020 * http://www.friedabblog.wordpress.com *

  2. Liebe Sabine,das ist wieder so eine berührende Geschichte, in Deinem so flüssigen Stil abgefasst, dass mir das Herz wieder aufgeht, und ich mich an unsere kurze gemeinsame Zeit in Jerusalem erinnere, als wäre es gestern gewesen.Danke, dass Du uns weiterhin Anteil nehmen lässt an Deinem Leben…ich freue mich sehr !Sei lieb gegrüsst, Martha aus der Schweiz.

    • Liebe Martha! Wie schön von dir zu hören! Ich hoffe es geht dir gut! Ich denke auch oft an die Zeit in Jerusalem zurück und an die vielen lieben Gäste in meinen Haus und natürlich auch an die Wochen die wir gemeinsam verbracht haben! Herzliche Grüße aus Wien

  3. Es fiel mir jetzt erst ein, dass ich früher auch an Büchern gerochen habe, sofort, am liebsten an Bildbänden. Dass Du diese Erinnerungen weckst, dass Du in Deiner schönen Sprache und in diesem guten Geist erzählst mit diesem ergreifenden Abschluss über den dann wieder mir fast die Tränen gekommen sind! Dein Blog ist ein Geschenk.

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