Nach jedem Fall schwinge ich mich wieder auf

Unterwegs in der Stadt um Menschen zu betreuen, begegnet man immer wieder anderen, die dasselbe tun. So traf ich einige Male auf Mosche, einen Oxygen Techniker, der die Sauerstoffflaschen tauschte oder technische Probleme behob. Bei manch einer Gelegenheit unterhielten wir uns eine Weile. Er hatte ein Herz für die alten Leute und liebte die Kunst.

Eines Tages traf ich Mosche in einem der Altenheime wieder. Er erzählte mir von einer Frau, 60 Jahre alt, die bereits seit 30 Jahren ans Bett gefesselt war und sehr einsam. Sie tat ihm leid und er dachte, dass es schön für sie wäre, wenn ich sie besuchen käme. Ich war einverstanden und kam seiner Bitte nach, nicht wissend was mich dort erwarten würde.

Mosche fragte sie und sie war einverstanden mich zu sehen. Er gab mir ihre Nummer und wir vereinbarten ein Treffen. Sie wohnte außerhalb der Stadt, ein für mich neues Gebiet. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg. Es war eine ruhige Gegend und eine leichte Brise brachte eine angenehme Kühle mit sich. Sie erklärte mir genau wie ich sie finden konnte. Die Tür stand offen, da sie nicht aufstehen konnte. Ich sollte einfach eintreten und laut rufen – sie würde dann antworten und ich brauche nur der Stimme zu folgen. So war es dann auch. Als ich die Wohnung betrat, sah ich ein großes Zimmer, das halb leer war. Nicht sehr wohnlich eingerichtet. Hier kamen nicht viele Leute vorbei, hier gab es keine gemeinsamen Essen oder Abende. Es gab das Nötigste in der Küche und einen großen Tisch, der auch als Ablage diente. Ich hörte ihre dünne Stimme, die mir Antwort gab und ich folgte ihr. So fand ich Shulamit in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Bett. Dieses Zimmer war voll, alles was sie benötigte war hier zu finden. Ihr ganzes Leben spielte sich hier ab, seit 30 Jahren.

Sie bat mich mir selbst zu trinken zu nehmen und mich zu ihr zu setzen. Ich fand einen Stuhl und nahm an ihrer Seite Platz. Sie lächelte übers ganze Gesicht und freute sich sichtlich über meinen Besuch. Sie wollte alles über mich wissen, was es zu sagen gab. Dann erzählte sie auch ein bischen von sich. Sie stammte aus Marokko und ihre Familie war vor vielen Jahren nach Israel eingewandert. Sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau und viel in der ganzen Welt unterwegs. Doch so sehr ihr die vielen Länder gefallen hatten, war doch Israel immer ihre Heimat und sie war am meisten zufrieden, wenn sie hier war. Mit 30 Jahren wurde sie, in der Blüte ihres Lebens, krank. Eine schwere Krankheit in den Lungen. Deshalb brauchte sie seit damals ein Sauerstoffgerät. Ihr Herz wurde auch schwächer und sie war viele Male im Krankenhaus und seitdem die meiste Zeit ans Bett gefesselt. Ich wunderte mich, bei ihr keinen Fernseher zu sehen, andere, die bettlägrig sind, verbringen viel Zeit davor. Doch sie meinte dazu nur, dass es den Verstand schädigt und sie ihre Zeit nicht verschwenden will.

Das klang für mich absurd, sie war seit 30 Jahren bettlägerig und sprach davon, ihre Zeit nicht zu verschwenden. Sie erzählte, dass sie viel Radio höre und dann für alle Probleme in der Welt bete. In ihrer Vorstellung war sie nicht allein in diesem Zimmer, Tag für Tag, sondern in der ganzen Welt unterwegs. Ihr Körper konnte sie nirgends mehr hintragen, ihr Leben fand in ihrer Gedankenwelt statt. Mich überraschte ihre Einstellung und Sicht aufs Leben. Sie sagte, sie sei sehr zufrieden im Leben und bedauere nur, nie geheiratet zu haben. Wobei sie immer noch hoffe, eines Tages würde auch sie die Möglichkeit finden, mit jemanden ihr Leben zu teilen.

Wie viele hätten wohl nach 30 Jahren die Hoffnung aufgegeben? Wie viele würden wohl sagen in dieser Situation, dass sie sehr zufrieden sind? Diese Frau war mir ein Rätsel… oder war sie vielleicht ein bisschen verrückt? Wer weiß und wer könnte ihr schon einen Vorwurf machen, so ein Schicksal kann einem wohl verrückt machen.

Was war also ihr Geheimnis, was erhielt sie so fröhlich und glücklich, trotz ihrer Lage? Sie schien mir die Frage angesehen zu haben. Sie hatte ein außergewöhnliches Gespür dafür, was der andere gerade denkt. So griff sie unvermittelt den Faden auf und sagte mir:

„Es gibt nur ein Geheimnis, das im Leben wichtig ist:
Vergebung, anderen Menschen zu vergeben und vor allem sich selbst.“

Sie sprach dann eine Weile darüber, wie uns Bitterkeit im Herzen krank macht und hindert, glücklich zu sein und in Frieden zu leben. Das müsse man lernen, sagte sie. – Dann hat man das Leben gemeistert. Sie sah mich dabei mit einem durchdringenden Blick an und lächelte, trotz der Schmerzen, die sie sichtbar verspürte. Dann schwiegen wir eine Weile und nur das Geräusch des Sauerstoffgeräts erfüllte den Raum. Sie entschuldigte sich, das Sprechen fiel ihr schwer und sie war erschöpft. Sie war eine Kämpferin, das kann man sagen.

Sie meinte am Ende:

Wissen Sie, ich bin eine Tänzerin – wenn ich falle, schwinge ich mich wieder auf und tanze weiter.

Sie sagte das im vollen Ernst und man könnte erst recht meinen es sei verrückt zu sagen, dass sie eine Tänzerin sei, aber in ihrem Inneren, in ihren Gedanken tanzte sie. Sie tanzte durchs Leben auf ihre ganz besondere Weise und wenn sie fiel, blieb sie nicht am Boden liegen. Sie raffte sich auf und tanzte weiter.

Über unser Treffen dachte ich noch eine ganze Weile nach. Es war wirklich interessant in vielerlei Hinsicht. Auf jeden Fall, konnte man von ihr lernen, denn trotz ihres unbeschreiblichen Leidens, hat sie sich die Freude im Leben bewahrt.

In diesem Sinn:

בואו אלינו לרקוד
(lasst uns tanzen)

Bildquelle: http://www.augensound.de

© Sabine Bruckner

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