Der Junge

Allein und verlassen streunte der kleine Junge durch die Straßen der Stadt. Es war ein kühler Herbsttag und die Wolken verdichteten den Himmel. Es sah nach Regen aus, doch wo sollte er sich vor dem Regen verbergen? Plötzlich ein Wolkenbruch … schnell kletterte er unter das nächste Auto. Längst war er es gewohnt, in kühlen Ecken und im Dreck zu schlafen.

Er war gerade 8 Jahre alt geworden. An diesem Tag konnte er nicht schlafen und seine Gedanken trugen ihn zurück in eine schönere Zeit. Er wuchs in einem kleinen Dorf auf, in einem kleinen Haus. Er war der einzige Sohn der Familie und seine Eltern liebten ihn sehr. Er hatte eine behütete und fröhliche Kindheit, bis sie eines Tages das Unglück traf. Es ging alles sehr schnell, es war ein Unfall und plötzlich – in einem Moment – war der Junge alleine auf der Welt. Er konnte nicht fassen, was geschehen war und dass er seine Eltern nie wieder sehen sollte. Er wollte schreien, brachte jedoch keinen Ton heraus, nur Tränen ohne Ende.

Er hatte nicht viele Verwandte, nur einen Onkel und dessen Frau mit ihren vier Kindern. Von nun an sollte er bei ihnen wohnen. Der Onkel war ein strenger Mann, mit einem harten Gesicht und einem noch härterem Herzen. Er konnte das fortwährende Weinen des Jungen nicht ertragen und fügte zu seinem Schmerz noch unzählige Schläge hinzu. Die Verzweiflung des Jungen stieg von Tag zu Tag, bis er eines Tages in seiner Not das Haus verließ und zu laufen begann – weg – einfach nur weg, von diesem Haus und den Schlägen. Tagelang war er unterwegs, bis er in die nächstgrößere Stadt kam. Dort kannte man ihn nicht. Er bettelte und bekam manchmal zu essen, manchmal etwas Geld und oft hungerte er auch. Viele hatten Mitleid mit dem kleinen traurigen Jungen, der nicht sprach. Er hatte Angst zu sprechen, wollte so unbemerkt wie möglich bleiben, um ja nicht von der Polizei entdeckt zu werden oder – Gott behüte – von seinem Onkel gefunden, das würde er wohl nicht überleben.

Der Regen hörte auf, der Hunger quälte ihn. Er ging durch die Stadt, an einem kleinen Laden vorbei, in dem ein Mann arbeitete, der ihm schon öfter zu essen gegeben hatte. Er war durchnässt und fror und hatte seit Wochen nicht in einem Bett geschlafen. Weinen konnte er schon eine ganze Weile nicht mehr. Der Mann sah den Jungen vor seinem Geschäft stehen und durch das Fenster schauen. Da stand er, nass, schmutzig und allein – zwei kleine traurige Augen, die verzweifelt nach Hilfe schrien. Er bat den Jungen einzutreten und anstatt ihm nur zu essen zu geben, nahm er ihn mit zu sich nach Hause. Der Mann wohnte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einer bescheidenen Wohnung, in der Nähe des Geschäfts. Sie gaben ihm zu essen, wuschen ihn und bereiteten ihm einen warmen Schlafplatz. Er konnte so viel Freundschaft nicht fassen und war mehr als dankbar für diesen kleinen warmen Platz. Er hörte die Familie sprechen, es ging um ihn, aber er hatte keine Kraft zu lauschen und schlief vor Erschöpfung ein. Wie lange er schlief, wusste er nicht, aber als er aufwachte, sah er in ein gütiges und lächelndes Gesicht. Er konnte dieses Lächeln nur erwidern und das erste Wort, seit Wochen, kam als leises Flüstern über seine Lippen: „Danke.“

„Und wie ging die Geschichte weiter?“ fragte ich den älteren türkischen Herrn, der sich eines Nachmittages in Wien auf einer Parkbank neben mich setzte und unvermittelt begann, die Geschichte eines kleinen Jungen zu erzählen. – Plötzlich schwieg er. Erst sah man etwas Trauriges in seinen Augen, dann lächelte er und erzählte weiter…

Der Mann aus dem Geschäft hatte ihn aufgenommen wie einen eigenen Sohn und ihm so das Leben gerettet. Er fragte ihn nie nach seiner Vergangenheit. Er gab ihm Arbeit in seinem Geschäft und lehrte ihm alles was er wissen musste. Nach einigen Jahren gab er ihm seine Tochter zur Frau. Eine große Ehre und durchaus üblich in der Türkei. Sie heirateten dort und gingen später nach Wien, wo sie ein Geschäft eröffneten und  ihre Kinder großzogen. Ich fragte ihn, ob er zufrieden sei mit seiner Frau – da er sie ja nicht selbst ausgesucht hätte? Er lachte, wohl war es eine komische Frage. Er meinte, er könne sich keine bessere Frau wünschen und er liebe sie sehr und das auch noch nach über 40 Jahren. Er hatte eine Familie verloren und durch die Güte eines Mannes eine neue gewonnen.

Der ältere Herr sah mich freundlich an und wünschte mir alles Gute und verschwand, so schnell wie er aufgetaucht war. Ich wusste nicht einmal seinen Namen, aber er gab mir einen Einblick in seine Geschichte. Die Geschichte eines kleinen Jungen aus der Türkei, der durch die dunkelsten Zeiten ging und doch Hoffnung fand.

© Sabine Bruckner

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