Sprich wenig, tue viel!

Ein Geburtstag und ein Abschied

Im Altenheim „Beit Alicia“ besuchte ich beinahe zwei Jahre lang, einmal in der Woche, Josef. Er war von Beginn an der älteste, den ich zu betreuen hatte. Er stammt ursprünglich aus Belgien und hat nicht gerne über den Krieg gesprochen, zu schwer waren die Erinnerungen. Er hat beinahe seine gesamte Familie in den Konzentrationslagern verloren. Er war von Beruf Diamantenhändler und ein orthodoxer Mann. Ihn besuchte ich von Beginn an und er war schon als ich angefangen hatte in keinem sehr guten Zustand. Er war über hundert Jahre alt und des Lebens satt. Das Altenheim war auch nicht gerade ein sehr erfreulicher Ort und ich konnte ihm nicht verübeln, dass er endlich sterben wollte. Jedoch schien es bei ihm einfach nicht eintreffen zu wollen. Mit manchen führe ich oft stundenlange Gespräche, jedoch nicht mit Josef.

Die letzten Monate sprach er überhaupt kaum. Manchmal kein einziges Wort während eines ganzen Besuches. Es fiel ihm schwer und somit saßen wir oft nur da und schwiegen. Manchmal hielt er meine Hand ein wenig und manchmal schlief er auch. In unserer schnelllebigen Zeit ist es gar nicht so einfach so untätig zu sein und nicht ein Gefühl der Sinnlosigkeit zu haben. Ich war mir öfter nicht sicher, ob ich ihm überhaupt in irgendeiner Hinsicht eine Hilfe bin oder er vielleicht froh ist wenn ich wieder gehe. Manche Dinge kann man nicht wissen, da man nicht hineinsieht in den Menschen und nicht ahnt, was in ihm vorgeht.

Vor einigen Wochen bin ich zu ihm gekommen und er verhielt sich ungewöhnlich. Als ich kam, freute er sich sichtlich und schien auf mich gewartet zu haben. Dann geschah etwas, das mich sehr erstaunte. Er nahm meine Hand fest mit beiden Händen und küsste sie. Das machte er noch zweimal und es war so außergewöhnlich, dass ich nicht wusste, was ich davon halten sollte. So etwas kannte ich von ihm überhaupt nicht.

Als ich die Woche darauf kam, traf ich eine Frau, die auch jede Woche im Heim war, um ihre Mutter zu besuchen. Sie erzählte mir, dass Josef in der letzten Nacht gestorben war. Kurz davor hatte er noch seinen 103. Geburtstag. Ich muss sagen, ich war froh, dass er nun endlich sterben konnte und ich war sehr bewegt, als ich daran dachte, was bei unserem letzten Treffen geschehen war. Er konnte schon lange nicht mehr gut sprechen, aber er hat sich auf seine Art für unsere gemeinsame Zeit bedankt – mit Küssen. Er hatte wohl eine Ahnung, dass es sich um seine letzten Tage handelt und auch bei anderen habe ich festgestellt, dass die Leute fühlen, wenn es zu Ende geht. Vielleicht ein Geschenk von G`tt, um uns Gelegenheit zu geben, uns zu verabschieden.

Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte Josef kennenzulernen und die letzten Monate seines Lebens mit ihm zu verbringen. Er war ein gläubiger Mann und hat nicht viel gesprochen, aber er war mir ein gutes Beispiel was es bedeutet, dass Taten mehr sagen als tausend Worte.

Er hat mich an ein Zitat von Schammai erinnert:

Sprich wenig und tue viel!

Pirke Avot 1,15 (Talmud, Sprüche der Väter)

(Sein Andenken sei gesegnet)                                          זיכרונו לברכה

Headerbild: Josef´s Altenheim „Beit Alicia“

© Sabine Bruckner

5 Gedanken zu “Sprich wenig, tue viel!

  1. Zu dieser Geschichte fällt mir etwas ein, das ich vor einigen Jahren selbst erlebt habe, als ich eine entfernte Verwandte regelmäßig im Altersheim besucht habe. Sie war schwer an Parkinson erkrankt und hatte sämtliche Symptome in starker Ausprägung, saß steif im Rollstuhl, war geistig aber noch sehr klar, was nicht allen Altenpflegern und Mitbewohnern um sie herum so richtig bewusst war. Sie war nie verheiratet gewesen und hatte außer mir keine Verwandten oder Freunde mehr. Meine Töchter waren noch klein, gingen aber meist tapfer mit zu den regelmäßigen Besuchen. Einmal fanden wir meine Tante an einem Tisch im Aufenthaltsraum bei einem Mensch-Ärgere-Dich-nicht-Spiel an einem überdimensional großen Spielbrett, wobei keiner der Mitspieler in der Lage war, richtig zu spielen. Wir haben uns einfach dazugesetzt und meine Mädels haben recht und schlecht die Figuren für die alten Leute geschoben, das Personal kam hin und wieder vorbei und es war sehr harmonisch und wurde dann sogar recht lustig. Meine Tante bat mich zwischendurch unvermittelt, meine Augen küssen zu dürfen. Nachdem ich erst gedacht habe, ich hätte mich verhört, beugte ich mich umständlich über sie im Rollstuhl, was an dem engen Tisch und wegen ihrer Steifheit ziemlich schwierig war. Mir war das ausgesprochen peinlich, weil keiner ihre Aufforderung, die ja auch außergewöhnlich war, gehört hatte. Auch meine Töchter waren erstaunt und ich will meinen, komisch berührt. Und wie du aber schreibst, im Nachhinein bin ich froh darüber, es war berührend, fast segnend irgendwie – und bleibt mir immer in Erinnerung.
    Herzliche Grüße,
    Marlis

    • Das ist auch eine besondere Geschichte, auch das sie deine Augen küssen wollte – kann mir gut vorstellen das du erst dachtest dich verhört zu haben. Im ersten Moment ist so etwas wohl immer ein bischen peinlich oder wie du sagst man ist komisch berührt. Vielleicht einfach nur weil es so außerhalb der Norm ist, aber gerade diese Momente bleiben uns in Erinnerung und sind wirklich besonders wertvoll. Danke fürs erzählen. Liebe Grüße Sabine

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