Schulalltag

Nachdem mein Bericht über Tür Nr. 51 einen gewissen Anklang gefunden hat, dachte ich, gibt es wieder einmal einige Anekdoten aus dem Klassenzimmer.

Nach einer Weile gemeinsam in einer Klasse treten schnell die verschiedenen Verhaltensmuster der anwesenden Persönlichkeiten zu Tage. Da sind die schweigsamen und unauffälligen Typen, jene die immer etwas beizutragen und den Mund offen haben, jene, die immer alles wissen und die, die mit ihren Aussagen meist nur allgemeine Verwunderung auslösen, weil kein Mensch versteht, wovon sie eigentlich reden, jene, die immer pünktlich sind und die, die notorisch zu spät kommen, neben denen, die nur alle paar Tage auftauchen. Wir sind eben alle verschieden und das macht es wohl gerade interessant.

Mit Abstand am „beliebtesten“ sind jene in der Klasse, die immer etwas beizutragen haben und von Zeit zu Zeit auch noch die Lehrerin belehren wollen. In unserer Klasse ist das Paradebeispiel dafür K. – Sie ist aus Paris eingewandert und eine nette, gläubige Frau, die von Beruf Kinderärztin ist. Sich um andere zu kümmern liegt ihr im Blut, und so versorgt sie uns reichlich mit ihren Kommentaren und „verarztet“ manchmal noch das Hebräisch der Lehrerin, wobei man an dieser Stelle anmerken muss, dass hierbei ein gesunder Patient behandelt wird und am Ende hauptsächlich die Nerven unserer Lehrerin R. Zuwendung bräuchten.

Ein Beispiel:
Wir lernten gerade eine „Was wäre wenn,… Form“. Als R. die Regeln erklärt hatte, sollte jeder einen Beispielsatz nennen. Plötzlich …
K.: „Slicha!“ (Entschuldigung) „Also das ergibt doch keinen Sinn, das kann doch so nicht stimmen!“
R.: „Warum nicht?“ … (versucht nochmal die Regel zu erklären…)
K.: „Im Französischen gibt es das nicht, das ergibt keinen Sinn!“
R.: „Vergiss Französisch – wir lernen Hebräisch!“
K.: „Aber …“
R.: „Was aber?“
K.: „… das kann nicht sein!“ (Seufzen geht bereits durch die Klasse …)
R.: „Doch und ich sage dir nochmal, verabschiede dich davon, alles vom Französischen aus zu übersetzen!“
K.: „Ok“ (Ein mit Enttäuschung gefüllter Seufzer folgt …)

Unterricht geht weiter. Nachdem endlich jeder einen Satz dazu hervorgebracht hat, kündigt die Lehrerin eine weitere Form an, um dieselbe Sache auszudrücken. Aufschrei aus der zweiten Reihe…

K.: „WAS!! Jetzt ist es aber genug, das kann doch keiner verstehen!
R.: (bereits leicht entnervt) „Nur mit der Ruhe – ich erkläre es und du wirst es verstehen!“
K.: „Aber das ist VERRÜCKT, wozu noch eine Form! … und im Französischen…“
R.: „VERGISS FRANZÖSISCH!! und hör endlich zu, bis ich es erklärt habe!“ (Der Stresspegel der Lehrerin steigt zunehmend …)

R.: …beginnt die neue Form zu erklären, plötzlich zweite Reihe:
K.: „AAHHH!! das ist ja viel leichter!“
R.: „Siehst du, es ist nicht so schwer.“
K.: „Warum hast du das nicht gleich gesagt! Das ist ja wie im Französischen!“
R.: …

Tja, was kann man dazu sagen? Die Franzosen machen einfach immer Ärger. Das komplette Gegenteil von K. ist U. – ein junger Mann aus Argentinien, der kaum ein Wort spricht. Er gehört zu denen, die kommen, wie es ihnen beliebt. Wenn er dann ein oder zwei Stunden nach Unterrichtsbeginn auftaucht, steht er erstmal in der Türe und mustert die Klasse. Zu Schulbeginn hatte er die Angewohnheit, anstatt „Shalom“ zu sagen vor der Lehrerin zu salutieren. R. war dermaßen perplex, als er das zum ersten Mal machte …

R.: „U!, wir sind hier nicht beim Militär! Hör auf, vor mir zu salutieren!“
U.: „Jawohl Ma’am!“
R.: „Setzen!“
U.: „Jawohl Ma’am!“

Sie verstand wohl, dass er ihr eine Ehre erweisen wollte, aber bis heute ist es ihr unangenehm und sie versucht es ihm hartnäckig abzugewöhnen, was mal mehr und mal weniger funktioniert.

Dann haben wir auch jede Woche das Glück, einen Überraschungsmoment zu erleben, wenn die Tür aufgeht und ein neuer Schüler zu uns stößt. Diese Woche, während einer Grammatikübung, ging die Türe auf und ein älterer Herr betrat wortlos die Klasse, knallte der Lehrerin einen Zettel auf den Tisch und setzte sich auf den nächsten freien Platz. … Stille … gespannt wartete die Klasse sowie die Lehrerin auf einen Kommentar – erfolglos – Schweigen. Die Lehrerin begutachtete für einen Moment den Neuzugang und inspizierte den Zettel.

R.: „A. – Ich kenne dich oder? – Ich sehe dich schon seit Jahren hier im Ulpan herumlaufen. – Wie lange bist du schon da?“
A.: „3 Jahre.“
R.: „3 Jahre! Was machst du jetzt in meiner Klasse?“
A.: „Lernen.“
R.: „Nach der Zeit solltest du schon fast meinen Job übernehmen können!“
A.: … schweigt …
R.: „Also gut, machen wir weiter, nicht, dass du noch hier bist, wenn ich in Pension gehe!“
A.: … grinst …

Also weiter im Programm. Eines Tages, als R. zu fortgeschrittener Stunde etwas erklärte, schweifte ihr Blick zunehmend in eine Ecke des Klassenzimmers und ein leichtes Grinsen zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, das zusehends breiter wurde. Dies blieb von der Klasse natürlich nicht lange unbemerkt und die Schüler folgten ihrem Blick, um die Ursache ihres Schmunzelns zu entdecken. Schnell wurde klar, was sie erheitert hatte, in der Ecke saß „Ru.“, ein junger Bursche aus Portugal und war auf seinem Sitz in tiefem Schlaf versunken.

R.: „Pssst, lasst uns leiser sprechen, sonst wecken wir Ru. noch auf!“
Sie sprach nur noch im Flüsterton und Ru. schlief weiter. Jedoch dauerte es nicht lange, bis sich die Klasse vor Lachen nicht mehr halten konnte, inklusive R. – das schallende Gelächter riss Ru. plötzlich aus dem Schlaf. Er hob schlaftrunken seinen Kopf und war sich noch nicht bewusst, das sein Nickerchen entdeckt wurde und er der Grund der allgemeinen Heiterkeit war, die in dem Moment in der Klasse herrschte.

R.: „Guten Morgen, Ru.“
Ru.: … lächelt verlegen und leicht beschämt …
R.: “ Ich erzähle euch eine Geschichte!“
„Es war einmal ein Ehepaar und die Frau liebte klassische Musik. Sie ging oft zu Konzerten, aber ihr Mann fand keinen besonderen Gefallen daran. Eines Tages überredete ihn seine Frau doch mitzugehen – ihr zuliebe, um auch dieses wunderbare Konzert zu hören. Er hatte keine große Lust, aber er liebte seine Frau sehr und wollte ihr den Gefallen tun. Sie gingen also gemeinsam hin und nicht lange nachdem die Musik erklang, fiel der Mann in einen tiefen Schlaf. Der einsetzende Applaus beendete abrupt sein Nickerchen. Seine Frau die nicht bemerkt hatte, dass er alles verschlafen hatte, fragte ihn:“ UND?“ Wie fandest du es?““ Darauf er: „Ein Traum!“

R.:“Also Ru, wenn dich heute jemand fragen wird, wie es im Ulpan war, dann kannst du antworten: „Einfach ein TRAUM!“

 © Sabine Bruckner

15 Gedanken zu “Schulalltag

  1. Liebe Sabine, habe diesen Text mit Hochgenuss gelesen und gelacht.Du hast t
    Talent. Muss mal klar gesagt werden.Ich bin immer ganz kribbelig ,bis ich Deinen Text gelesen habe. Liebe Grüsse u. Shabbat Shalom aus der Ferne . Martha

  2. Mir hats auch wieder gefallen! Ich kann mir schon vorstellen, dass da die buntesten Leute zusammengewürfelt werden. Das kann super sein – aber auch oft anstrengend. Und so Superstreber gibt es erfahrungsgemäß wohl in jedem Kurs 😉
    Darf ich fragen, auf welchem Niveau der Sprachkurs stattfindet?

  3. mir hat es auch gefallen. Mein Ulpan war da ganz anders, aber das ist auch schon lange her.
    שיעור מס‘ 12 bist auch mal den „Shwil Hanachasch“ rauf zum Mezada? das hatten wir bei meinem ersten Besuch hier im Lande gemacht, da gab es noch keine Seilbahn dort

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