Wenn einer eine Reise tut…

… so kann er was erzählen, drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.

Matthias Claudius (1740 – 1815)

November 2016

Ja sagen zum Reisen ist nie ein Verlust, sondern immer ein Gewinn an Erfahrungen, Eindrücken und Begegnungen mit dem Unbekannten.

In Israel hatte ich nicht nur Holocaustüberlebende und deren Familien kennengelernt, sondern auch deren PflegerInnen, die meist aus dem fernen Osten kamen. Mit einer von ihnen hatte ich mich sehr gut angefreundet, Mercy. Eine großartige und taffe Frau, mit so vielschichtigen Interessen und Talenten und immer für ein Abenteuer bereit. Sie lernte in ihrer Zeit in Israel auch jemanden kennen und siehe da – es sollte bald darauf geheiratet werden. Es wurde beschlossen, dass die Hochzeit in ihrer Heimat stattfinden sollte und zu meiner Freude wurde auch ich eingeladen. Ich zögerte nicht ja zu sagen. Wie oft ergab sich schon so eine Gelegenheit? Also auf nach Indien!

Ok, erst ja sagen und dann schauen, wo genau man da jetzt eigentlich hin muss? Nach einer ausgiebigen Googlerecherche hatte ich dann bald auch eine Übersicht, wohin ich reisen sollte. Es waren noch einige Monate bis zum Termin. So zuerst Urlaub beantragen und abchecken, welche Impfungen vielleicht doch sinnvoll wären… war ich doch seit 20 Jahren nicht mehr impfen gewesen. … Nach einem Anschiss von der Ärztin und einer Liste mit unzähligen Impfungen habe ich dann das Nötigste davon in Angriff genommen. Dann noch einige Bücher bestellt und gelesen, um mich kulturell auf das Kommende einzustellen und letztendlich die Flüge gebucht, als mein Urlaub endlich genehmigt war. Dieses unglaublich tolle Gefühl, Flüge zu buchen … diese Vorfreude ist einfach immer wieder wunderbar.

Nächster Schritt: Leute in meinem Umfeld informieren. „Waaasss, du fliegst nach Indien!!“ … „Ist das nicht schrecklich gefährlich?“ … „Hast du nicht Angst vergewaltigt zu werden??“ … „Na, da kannst du ja nix essen, da wirst du ständig Durchfall haben!“ … „Du fliegst allein dorthin!?“ …, waren nur einige der Reaktionen. Es gab natürlich auch positive, großteils aber mit Verwunderung und Überraschung gepaart. Offensichtlich hielt man mich aber für verrückt genug, um das zu machen.

Dem Großteil der Aussagen nach jedenfalls war es eine ganz schlechte Idee und es gab geringe Überlebenschancen für mich. Konnte es denn wirklich so schlimm sein? Etwas verunsicherten mich die Reaktionen schon, andererseits war niemand von ihnen jemals selbst in Indien gewesen und daher wohl nicht alles davon so ernst zu nehmen. Ich kannte das ja bereits sehr gut, z.B. wenn es um Israel ging und um die Vorurteile diesem Land gegenüber, wobei die Realität aber oft eine ganz andere war. Ich war jedenfalls entschlossen herauszufinden, wie es in Indien zugeht und hoffte, ich würde alles ohne Durchfall überstehen.

Der Tag der Abreise war gekommen. Ich hatte mit Air India gebucht und alles war ursprünglich wunderbar, doch als man im Vorfeld begann, die Flugzeiten zu ändern, wurden plötzlich aus 3h Transferzeit in Delhi ganze 40 min. Mir war schnell klar, dass 40 Minuten Zeit in Delhi sicher nicht reichen würden, den Anschluss zu schaffen. Ich war zwei Wochen beschäftigt, um jemand von der Airline zu erreichen. Unzählige Emails und Telefonate und sogar ein Besuch am Air India Checkin und ein Gespräch mit deren Vertretern – die gleich gesagt haben, dass die Zeit wirklich zu kurz sei und die mir versprachen, sich um eine Umbuchung zu kümmern – waren erfolglos. So gab ich es letztlich auf. Ich buchte einfach einen anderen Weiterflug mit einer Indischen Inlandsfluggesellschaft – GoAir. Super günstig, fast 4h Transferzeit, für 2 Euro mehr hatte ich Priority Handling und für 1 Euro zusätzlich Essen an Bord, dann noch für 1,50 Euro Zusatzgepäck – da regulär nur 15kg erlaubt waren und ich möglicherweise wohl etwas mehr mithaben würde. So konnte ich alles regeln und hoffte jetzt, dass es keine weiteren Überraschungen gäbe. Der Herr am Checkin war erst etwas überrascht, dass ich den Koffer in Delhi wollte. Nach einer kurzen Erklärung und Schilderung der Serviceunfähigkeit seitens Air India gab es dazu aber keine weiteren Beanstandungen.

Der Flug nach Delhi war sehr entspannt. Dort angekommen, hieß es, erst einmal den Koffer zu holen und für den Weiterflug aufzugeben. Zum Glück gab es Zeit genug, so suchte ich entspannt nach der Information an den Monitoren. Das einzige kleine Problem – der Flug tauchte dort nirgends auf. … Ein netter indischer Herr, der dort arbeitete, bemerkte meine Ratlosigkeit und fragte mich, ob er helfen könne. Ja sicher! Ich zeigte ihm den Flug, nach dem ich suchte… „Ohhh, it’s another Airport Ma´am!“ … WHAT!? … damned… OMG – erstmal Schock. … Wie konnte mir das nur entgangen sein? Wo war dieser Flughafen und hatte ich genug Zeit, dahin zu kommen!? … Zum Glück gab es einen Bustransfer, der ca 15 Min. dauerte und den man mit Bordkarte gratis verwenden konnte. So alles gut. – GoAir Checkin, nach einer wilden Busfahrt Indiastyle gefunden. … Glücklicherweise hatte ich für ein paar Euro einen Prioritystatus erworben und konnte die Businessline nutzen. Bei der Security fehlte mir dann ein Anhänger für mein Handgepäck, den ich am Schalter hätte bekommen sollen. Tja … der Herr dort kramte kurz im Müll und fand etwas Passendes, um dann seinen Stempel drauf zu drücken. Man liebt es dort zu stempeln. Alles musste gestempelt sein. Meine Bordkarte hatte am Ende mindestens 6-8 Stempel drauf, dann ging’s auch schon los.

Auf dem GoAir Flug nach Bagdogra war ich die einzige Europäerin an Bord. Ich stach etwas aus der Menge, aber irgendwie war es spannend. Wenn man aus dem Fenster schaute, sah man das Himalaya-Gebirge in der Ferne. Was für eine Aussicht! Einige Stunden später waren wir in Bagdogra gelandet. Von dort sollte mich Mercy abholen, die schon länger bei ihrer Familie war, um die Hochzeit vorzubereiten. Bagdogra ist ein sehr kleiner Flughafen, wirkte eher wie ein Militärflughafen, nicht sehr einladend. Dort machte ich meine erste Bekanntschaft mit den indischen Toiletten – Loch im Boden und Gerüche, die ich so nicht kannte. … Mein Koffer war bereits am Band – eh klar – dank Priority Handling – und ich bald aus dem Flughafen raus, in eine ganz neue Welt.

Dort erlebte ich dann die längsten 20 Minuten meines Lebens. Es begann bereits dunkel zu werden und Mercy war nicht in Sicht. Mein Telefon war sozusagen nutzlos, da es kein Netz oder Internet gab. Einige wurden abgeholt und es blieben nur wenige zurück. Es standen Männer mit Waffen dort im Ausgangsbereich und andere, die warteten und durch die Gegend schauten. Ich fiel auf wie ein bunter Hund und wurde mehrfach gefragt, ob ich ein Taxi brauchte. Ich hielt Ausschau. … Auch wurde mir bewusst, dass ich keinen Plan B hatte. … Was, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht kommt? … Was machst du dann? … Verschiedene Szenarien gingen mir durch den Kopf. Meine Überlebenschancen sanken. … Und endlich – nach gefühlt einer Ewigkeit, kam sie plötzlich um die Ecke! War ich froh, sie zu sehen! Sie war auch nicht alleine gekommen, sondern mit Freunden und Familie. Das kleine Auto war zum Brechen voll und mein Koffer hatte gerade noch mit Mühe darin Platz. Jetzt folgte noch eine dreistündige Autofahrt nach Kalimpong. Der Kulturschock traf mich ganz unerwartet während dieser Fahrt. Es ist schwer zu beschreiben, aber all die Eindrücke, der Lärm, die Gerüche und die Kühe mitten auf der Straße. … Da dachte ich bei mir selbst: „Wie zum Teufel bist du auf die Idee gekommen, hierher zu fahren??“ Ich zweifelte kurz an meinem Urteilsvermögen … vielleicht hatten sie alle recht. …

Es war stockdunkel, als wir ankamen. Auch Straßenbeleuchtung gab es dort kaum, wir schleppten meinen Koffer irgendwo durch die Büsche und kamen endlich bei Mercys Haus an. Es war groß und wurde auch noch ausgebaut. Sie zeigte mir mein Zimmer und ich freute mich sehr darüber, wie schön und groß es war und dass ich es sogar für mich alleine hatte. Wir unterhielten uns noch eine Weile und dann ab ins Bett! Ich war erledigt, aber endlich angekommen.

Ich hatte gut geschlafen und konnte es nicht so recht glauben, dass ich jetzt in Indien war. Ich öffnete den Vorhang im Zimmer und sah das erste Mal die Umgebung im Sonnenlicht. Wow! Was für eine umwerfende Aussicht, was für ein schöner Moment! Das Abenteuer Indien konnte beginnen oder besser gesagt weitergehen, war doch die Anreise schon ein Abenteuer für sich.

Hier mein erster Blick aus dem Fenster, in die sonnige Nachbarschaft in Kalimpong.

… to be continued

© Sabine Bruckner

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